Bei Tschechows um die Ecke

Wir haben am 2. April (44 Tage vor der Eröffnung) die Künstlerin Barbara Caveng und ihre Sozialparkettstube (www.kunstparkett.net) der Okerstraße vorgestellt. Immer mittwochs veröffentlichen wir ihre Tagebuchnotizen. Aber Vorsicht: Satire!

Marco Polo küsst mir zum Abschied die Hand. Es ist mir nicht angenehm, aber immer noch besser als mit seinem üblichen Gruß ‚Tschüss, du deutsche Kartuffel’ bedacht zu werden.

Der Handlungsreisende in Sachen Trockenbau ist betrunken. Er feiert Geburtstag und außerdem laufen die Geschäfte schlecht. Zum Beweis seiner Identität zeigt er mir seinen Personalausweis.

Marco Polo, sagt er. Ich sehe einen Namen, der sich aus einer Konsonantenkaskade von sz, cz und sk zusammensetzt. Sein Reisegepäck ist eine Lidltüte mit wenig Inhalt, die er wie einen Schatzbeutel umklammert.

Als spielten wir in einer polnischen Variante des Tschechowschen Kirschgartens, tänzelt er mit einem Sehnsuchtseufzer aus dem Laden: Warschau…, Warschau….

Sein Landsmann hat sich ebenfalls eine der gelbblauen Wundertüten unter den Arm geklemmt. Die Überreste an Hoffnung bestehen aus drei vier Packungen Parfum, die er versucht loszuwerden. Die Schachteln sind lachsfarben oder rosa mit den Silhouetten von Frauen in verführerischen Posen, die wie in die Jahre gekommene Tabledancerinnen für den Duft der billigen Liebe werben.

Seine Palette an Produkten und Leistungen bietet er im schwarzen Anzug an. Der Glanz der Kleidungsstücke, der vom vielen Tragen kommt, wirkt auf Distanz fast elegant. Seine Gesichtszüge haben ein Stück jugendlicher Restschönheit bewahrt und verweisen auf den Gigolo von einst, der all die Damen auf den Parfumflaschen verführt und flachgelegt hat.

In schwarzweißen Schuhen im Mafia-Style bewegt er sich durch die Okerstraße zum Spätkauf.

Ein vergessener Statist.

Er tapeziert auch Ihre Wohnung.

Kommentare

  1. […] aus der Okerstrasse im BLOG des Museums Neukölln veröffentlicht. Manchmal ist die Stimmung da wie bei Tschechows… […]

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