Die geliebte Stimme

Wir haben am 2. April die Künstlerin Barbara Caveng und ihre Sozialparkettstube (www.kunstparkett.net) der Okerstraße vorgestellt. Immer mittwochs veröffentlichen wir ihre Tagebuchnotizen.

Für Erol

Die geliebte Stimme, Monolog von Jean Cocetau.
Eine Frau, ein Telefon. Die Frau spricht zu ihrem Geliebten, schätzungsweise 45 Minuten lang. Sie kämpft, zieht alle Register: gurrt, garnt, klagt an, weint, lächelt, lacht, haucht, schreit, kreischt, beschwört. Die Stimme rast gegen Betonpfeiler, stürzt sich aus dem Fenster.

Der Geliebte – ist er überhaupt noch da, am anderen Ende der Leitung? Hat er nicht längst aufgelegt, nachdem er ihr vielleicht noch einmal gesagt hat, dass er diese Liebe nicht mehr spürt?

Macht das Piep-Piep-Piep sie vielleicht noch rasender in ihrem Schmerz, spürt sie die akustischen Signale wie Nadelstiche in ihrem Herzen?

Sie hält das Sterben der Liebe nicht aus, sie gibt dafür ihr Leben.
Die Schauspielerin spielt eine Frau, die sich in den letzten Zeilen des Monologes mit der Telefonschnur erdrosselt.

Vor zwei Tagen hat mir meine Kollegin Karin in einer Email geschrieben: „Heute war ich im Wedding und habe eine Telefonbank (noch nicht zerlegt) abgeholt. Diese Spende hat eine sehr traurige Geschichte, sie stammt aus der Wohnung eines Menschen, der sich kürzlich das Leben genommen hat.“

Die Telefonbank steht jetzt für ein paar Tage bei uns im Laden in der Okerstrasse. Sie sieht gemütlich aus. Eichefurniert, ein geblümtes Kissen, eine kleine Schublade für das Register mit den handgeschriebenen Namen und Telefonnummern der Menschen, die einem wichtig sind.

Aus der Telefonbank werden Parkettstäbe. Ungefähr zehn an der Zahl. Zehn von viertausend.

Eine Geste der Erinnerung.

Für Erol.

Kommentare

  1. […] von barbara caveng im BLOG des Museums Neukölln veröffentlicht. Diesmal sind die Zeilen Erol gewidmet… […]

  2. Vielen Dank für diese Zeilen. Ich bin sehr berührt , dass mein Freund so eine Würdigung erhält. ich weiß, er hätte sich gefreut, das die Möbel zu solch einem Zweck verwendet werden. Die Idee an sich ist einfach nachdenkenswert. Ich halte es wie Lionel Feiniger: Kunst ist nicht Luxus, sondern Notwendigkeit. So sehe ich auch die Arbeit, die Sie sich und Ihr Team machen. Es ist notwendig, das Menschen einbezogen werden in Aktionen, in Kunst und in Aktivitäten. Für Ihr Engagement gebührt Ihnen ein großes Lob und Danke.

  3. […] Juni 16, 2010 in Uncategorized Der wöchentliche Okerstrassen -Tagebucheintrag von barbara caveng erscheint diesmal erst am Donnerstag auf der Seite des Museums Neuköllns. Ergänzend zum Eintrag von letzter Woche die Telfonbank von Erol […]

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