Die Verwandlung

 Wir haben am 2. April die Künstlerin Barbara Caveng und ihre Sozialparkettstube (www.kunstparkett.net) in der Okerstraße vorgestellt. Nachfolgend ihre jüngsten Tagebuchnotizen.
 
 ‚Oh Mann, noch nie eine Frau mit einem Stück Holz gesehen?’

 Ich bin einigermaßen schlecht gelaunt. Um ehrlich zu sein, ich bin absolut wütend, hasserfüllt und nahe dran, in einem schieren Akt der Verzweiflung meiner verblüfften Umwelt die Zunge rauszustrecken. Ein Alptraum.

 Und dabei hat der Tag so schön angefangen. Bei frühmorgendlichem Sonnenschein hatte ich mich für ein hübsches, dekoratives Kleid entschieden, mir eine Tote – Meer –Entspannungsmaske mit Goldstaub gegönnt und nichts anderes vor, als mich der Leichtigkeit des Seins hinzugeben.
Alles wunderbar, bis mir das Leben das erste Stück Holz in den Weg gelegt hat.

Nichts gegen das Holz, es ist ein prima Holz, glatt und grau gestrichen und ich sehe es mit meinem visionären Auge bereits in acht schmucke Parketthölzer zersägt. Allein –  es ist drei Meter lang und ich bin mit dem Fahrrad unterwegs. Flexibilität ist eine meiner Stärken, dahin- gleiten und genießen kann ich schließlich auch ein andermal; so versuche ich Fahrrad, Holz und mich in einer Art buddhistischem Balanceakt weiter zu bewegen. Um das fragile Gleichgewicht nicht zu gefährden, in dem sich Diele und ich zusammen befinden – sie liegt auf dem Lenker und meiner Schulter auf -,  gehe ich stoisch mit kleinen zierlichen Schritten. Da ich nun sowieso nur noch sehr langsam vorankomme, lade ich unterwegs noch zwei Arbeitsplatten beachtlichen Ausmaßes auf meinen Fahrradanhänger. Mein Gang gleicht nunmehr dem einer Afrikanerin, die vom Wasserbrunnen kommt.

 Leider bin ich aber keine von Natur aus elegante Afrikanerin, sondern eine sich im Zustand der Auflösung befindende 45-jährige Mitteleuropäerin, die ein völlig überladenes Fahrrad mit kaputtem Anhänger durch die Gegend schiebt. Darum glotzen die mich alle an. Gegen die Vorstellung, was für ein Bild ich abgebe, hilft mir auch die Sonnenbrille wenig. Das Ende jeder Souveränität naht mit der nächsten Kurve oder dem nächsten Bordstein. Diese Abweichungen im geraden Straßenverlauf versetzen mich nämlich in einen Zustand vollkommener Hilflosigkeit:  erstens rutscht die Diele aus ihre austarierten Position von Schulter und Lenker und noch elender: der Fahrradanhänger kippt.

Dieses Spektakel wiederholt sich auf 100m ungefähr dreizehn Mal. Ich bin ein Käfer, der auf dem Rücken liegt. Mir bleibt nichts anderes übrig, als die Hilfe der Passanten abzuwarten, die mich, das Fahrrad, Anhänger und Holz wieder zurechtrücken und mit einem kleinen Schubs erneut in den Zustand der Fortbewegung versetzen. Ein junger Mann aus Serbien zeigt besonders viel Mitgefühl und bildet für 100 Meter die wachende Nachhut. Mit halbverrenktem Kopf versuche ich ihn in ein charmantes Gespräch zu verwickeln, um ihn wenigstens für weitere 50m am Holz zu halten.

 Leider stehe ich dann wieder alleine vor den 22 cm Bordsteinkante Ecke Emser Straße. Es kann nicht gut gehen. Sie glotzen. Es wird nicht gut gehen. Ein Lieferwagen verlangsamt. Es geht nicht gut: die Diele rutscht, der Fahrradanhänger kippt, die Arbeitsplatten knallen auf die Straße und schrammen mir den Knöchel auf.

Ich bin am Ende. Ich hasse mich, ich hasse Holz, ich will nicht mehr:

‚Was glotzen ihr mich alle so an?! Noch nie ’ne Frau mit einem Stück Holz gesehen?’

 

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