Das Haus der Mutter

Im Rahmen der Europawoche hat das Museum Neukölln am 9. Mai Kuratoren/innen und Museumspädagogen/innen aus Polen und Deutschland zu einem kulturpädagogischen Workshop eingeladen. Unter dem Motto „Das offene Museum” wurden Methoden der partizipativen Museumsarbeit erprobt und diskutiert. Im Vordergrund stand dabei die Frage, welche Rolle das Haus als „Ort der Dinge” in Erinnerung und Gegenwart einnimmt.

An einen ganz speziellen Ort wurden die Teilnehmer von der in Neukölln aufgewachsenen Künstlerin Dorothea Koch geführt. Im Britzer Haus ihrer verstorbenen Mutter ließ sie die Workshopteilnehmer den eigentümlichen Raum erfahren, der entsteht, wenn das Privateste zum Gegenstand öffentlicher Reflexion wird. Die Räume und Dinge des Hauses sind Zeugen vergangenen Lebens, gleichzeitig verrät ihre Stille das Ende eines Lebens und das Einsetzen der Erinnerung. Dass diese aber durchaus unterschiedliche Gesichter haben kann, ist Ausgangspunkt der Überlegungen von Dorothea Koch, indem sie den privaten Raum öffnet und den Teilnehmern die Möglichkeit gibt, die Dinge im Haus zu Elementen spontaner Inszenierungen zu machen.

Bald klirrt das Porzellan, das aus dem Schrank genommen und zum Requisit eines heiteren Kaffeekränzchens gemacht wird. Im Bad fließt das Wasser aus den Hähnen und füllt Waschzuber, mit deren Hilfe zwei Teilnehmerinnen die Holzdielen des Dachbodens wischen. Im Esszimmer stellt eine Gruppe eine Familienszene nach – könnte diese vor Jahren hier einmal so stattgefunden haben? Kurz stocken wir, als eine Darstellerin den Dosenöffner an eine verstaubte Tomatenkonserve ansetzt, das Blech tatsächlich aufreißt und den Doseninhalt auf die Teller verteilt.

Kaffeetisch im Haus der Mutter, Foto: Barbara Hoffmann

Kaffeetisch im Haus der Mutter, Foto: Barbara Hoffmann

Werden hier nicht Grenzen überschritten? Kann ein privates Haus ein Museum sein, ein Museum die Dinge von ihren Plätzen rücken und genau durch eine solche Intervention der Vergangenheit eine Brücke zur Gegenwart bauen – im Prozess der Trauer, im Prozess des Erinnerns? Weit in den Abend hinein diskutieren die Teilnehmer solche Fragen im Garten des Hauses der Mutter, bis ein Regenschauer die Gespräche vorläufig unterbricht.

Der Workshop „Das offene Museum“ wurde in Kooperation mit der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel, der Stiftung Genshagen und des Masovian Culture and Art Center veranstaltet. Weitere Infos unter www.stiftung-genshagen.de.

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