Museumsbesucher lassen sich porträtieren

Der Umgang mit Fotografien ist für uns so selbstverständlich geworden wie die Benutzung von Messer und Gabel. Jeder von uns ist in der Lage, eine Kamera zu bedienen und die Anzahl der Pixel unseres Smartphones ist vielen so geläufig wie unsere Schuhgröße. Und dennoch geht von der Fotografie etwas Magisches aus, eine Faszination, die man nicht so leicht erklären kann. Im Gegensatz zur Malerei ist die Fotografie ein technisches Medium, das sich dadurch auszeichnet, dass es per se einen sehr engen Bezug zur Wirklichkeit hat. Woran liegt das? Weil eine Fotografie nicht nur ein Bild ist, sondern zugleich – wie die Essayistin Susan Sontag  ausgeführt hat – eine Art Schablone der Wirklichkeit. Dabei spielen Lichtwellen eine entscheidende Rolle. Eine Fotografie ist die Aufzeichnung von Lichtwelllen, die von einem Gegenstand reflektiert werden und somit hat es den Anschein, dass der Fotografie eine materielle Spur ihres Gegenstandes anhaftet. Wenn Sie so wollen, spüren Sie einen Teil von sich, wenn Sie Ihr eigenes Porträt anschauen. Nicht jeder mag deshalb gerne fotografiert werden. Noch vor 30, 40 Jahren reagierten Menschen aus weniger industrialisierten Ländern unangenehm berührt, wenn man sie fotografieren wollte. Sie empfanden es als eine Art Übertretung ihrer Persönlichkeitssphäre und kulturellen Integrität. Heute ist die Scheu bei den meisten Menschen gewichen und das Foto wird zu einem bewusst gewünschten Dokument, das die betreffende Person an diesem oder jenem imposanten Ort zeigt.

Auch Sie haben sich für diese Ausstellung von Oliver Möst und Florian von Ploetz im Berliner Zimmer fotografieren lassen. Und zwar an keinem beliebigen Ort, sondern in einem Museum. Sie haben sich damit in eine Sphäre der Öffentlichkeit begeben, die auch einen Zweck erfüllt. Der Zweck unseres Museums ist die Sammlung und Dokumentation von Objekten, die in ethnografischer und kulturgeschichtlicher Perspektive eine Aussage über das Leben der Menschen treffen, die in Neukölln leben und arbeiten. Ich freue mich deshalb sehr, dass fast 500 Personen an diesem Projekt mitgewirkt haben. Dieses offene und bürgernahe Konzept sehen wir als eine Herausforderung und als eine Verpflichtung an, denn das Museum Neukölln ist ihr Museum, es soll ihrer Geschichte ein zu Hause geben.

Auszug aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung „BeLichtung – Zu Gast im Berliner Zimmer“. Fotografien von Oliver Möst und Florian von Ploetz . 12. September bis 30. Dezember 2012.

Besucher suchen ihre Porträts in der Ausstellung. Foto: Bruno Braun

Besucher suchen ihre Porträts in der Ausstellung. Foto: Bruno Braun

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