Minotaurus in Britz

Odysseus Minotauros, 2012, Foto: Madeleine Coffaro

Aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Die Rückkehr des Minotaurus“ mit Skulpturen von Bärbel Dieckmann

Wer die Werke von Bärbel Dieckmann betrachtet, wird unweigerlich in einen Strudel widersprüchlicher Emotionen hinein gezogen. Sie sind wie der schöne, aber gefährliche Klang der Sirenen, die Odysseus auf seiner Reise betören wollen, um ihn ins Verderben zu stürzen. Wie sie wissen, lässt Odysseus  sich an den Mast seines Schiffes binden, um dem Werben Stand zu halten. Den Ausdruck „im Widerspruch gefangen sein“ bietet die deutsche Sprache an, um auszudrücken, dass es schwer ist, in dieser Situation einen Ausweg zu finden. Wie bei Homers Odysseus, von dem wir in dieser Ausstellung ein Bildnis sehen, verlangt die Kultur von uns, dass wir gegensätzliche Gefühle aushalten. Das sind Elemente eines Zivilisationsprozesses, der die europäische Kultur seit der Renaissance, der Wiedergeburt antiker Ideale, begleitet hat.

Die Motive der Skulpturen von Bärbel Dieckmann kreisen um diese widersprüchlichen Affekte des Menschen und des Menschlichen sowie unseren Umgang damit. Der Minotaurus verkörpert dabei – wie die Psychoanalyse sagen würde – den Schatten, wenn Sie wollen unsere dunkle Seite, die nicht immer bedrohlich sein muss, aber uns dennoch oft Angst macht. Er ist die Inkarnationdes Monsters, des Fremden und Unheimlichen, dem wir schon als Kinder begegnen, in den Märchen der Gebrüder Grimm, die wir mit unseren Comic-Helden Spiderman, Batman oder Superman – allesamt moderne Odysseus-Figuren – erfolgreich besiegt haben. Die Begegnung mit dem Fremden ist existentiell für die Herausbildung unserer eigenen Identität. Doch wir täuschen uns, wenn wir glauben, dass dieser Prozess im Laufe unseres Lebens jemals abgeschlossen ist. Wenn wir nicht Gefangene in unserer eigenen Haut werden wollen, müssen wir uns immer wieder mit dem Neuen, dem Unbekannten auseinandersetzen. Wer das Fremde abspaltet und nicht lernt, ihm aktiv zu begegnen, der wird dazu neigen, nur im Eigenen das Gute zu sehen und das Fremde nur als das Böse. Hierin liegt eine wesentliche Quelle für Fremdenhass, Rassismus und Gewalt.

Anstatt Kultur mit dem Bekannten und Vertrauten gleichzusetzen, plädiert der Schweizer Ethnologe Mario Erdheim für einen Kulturbegriff, der Kultur als das ansieht, „was in der Auseinandersetzung mit dem Fremden entsteht“. Kultur stellt sich somit dar „im Produkt der Veränderung des Eigenen durch die Aufnahme des Fremden“.
Auch das andere Geschlecht ist immer das Fremde. Deshalb sind Sexualität und Erotik Zonen der Angst und der Verunsicherung. Der Körper ist in Bärbel Dieckmanns Arbeiten in seiner komplexen Sinnlichkeit präsent. Auch das mag uns irritieren und vielleicht auch provozieren. Wir sehen die triumphale Geste, den Stolz, aber auch die „tragische Aura, die Bärbel Dieckmanns Minotaurus wie ein Mantel umhüllt“, so Charles Sarvan in dem sehr lesenswerten Einleitungsartikel des Kataloges zur Ausstellung. Wir sind dadurch konfrontiert mit einem weiteren wesentlichen Aspekt von Bärbel Dieckmanns Ouevre, dem Leiden. Leiden als Teil unserer sterblichen Existenz: körperliche Behinderung, Krankheit, Schmerzen und all die Begleiterscheinungen von Altern und Alter. Gemeint ist hier der Schmerz, den Menschen bewusst oder unbewusst anderen zufügen, ob es die Prügelattacke auf dem Schulhof ist oder die Diskriminierung und Ausgrenzung durch Mobbing. Leiden aber auch an wirtschaftlicher Existenznot, die uns zurzeit eklatant in Griechenland und anderen europäischen Staaten begegnet, ganz zu schweigen von Armutsregionen auf anderen Kontinenten.

(Foto: Odysseus Minotauros, 2012, Foto: Madeleine Coffaro)

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