„Britz blieb immer mein Kinderparadies“

(zit. nach Hellmut Juretschke. Tagesspiegel, 12.12.2010)

Hanne Nüte 38
An einem trüben Tag im Mai 2010 ist Frau Gagel ziemlich in Eile, als es plötzlich an ihrer Tür in der Hanne Nüte 38 klingelt. Vor ihr stehen der 86-jährige Hellmut Juretschke, seine Lebensgefährtin und seine Tochter Susan. Er und seine jüngere Schwester Ina haben ihre Kindheit in dem Haus verbracht, in dem nun Familie Gagel lebt. An das Haus und vor allem an den Garten hat Hellmut Juretschke noch gute Erinnerungen.
Als die Familie 1926 in die Siedlung zieht, sind die Bürgersteige noch nicht fertiggestellt und der zweijährige Hellmut macht seine ersten Schritte. Die Siedlung ist zu jener Zeit ein Paradies für Kinder, hier leben viele Gleichaltrige, mit denen Hellmut und Ina spielen können. Auch die Eltern, die seit langem den „Sonnenfreunden“ der Wandervögel angehören, fühlen sich wohl in der neuen Umgebung.
Dies ändert sich schlagartig mit dem Jahr 1933. Kurz nach der Machtübernahme finden Durchsuchungen im Haus der jüdischen Familie statt. Die Gefahr vorausahnend, lassen die Juretschkes einige „subversive“ Bücher ihrer umfangreichen Sammlung aus Kunst, Literatur und Philosophie verschwinden. Auch die beiden Geschwister bemerken die Veränderungen: Einstige Spielkameraden beschimpfen und meiden sie. Als Juden diffamiert und von der SA bedroht, verlässt Familie Juretschke ihr geliebtes Heim. Nachdem sie bis 1939 unerkannt in Tempelhof lebten, wandern sie auf dem Schiffsweg über Ecuador in die Vereinigten Staaten aus. Hellmut und seine Schwester leben heute mit ihren Familien in New York.
Weitere Informationen über die genannten Personen stehen im Digitalen Archivsystem DAISY in der Ausstellung Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933 zur Verfügung.

(Fotos: Eingangstür Hanne Nüte 38, Foto: Barbara Hoffmann; unten, links: Ina und Hellmut Juretschke, ca. 1928, rechts: Hellmut Juretschke zusammen mit Lebensgefährtin und Tochter, 2010, © privat)

Juretschke

Kommentare

  1. Irene Gagel schrieb am 18. März 2013 um 18:22 Uhr

    Hier einige Präzisierungen: die Begegnung fand nicht an einem kalten Wintertag, sondern im Mai statt (auf dem Foto auch an den Pflanzen etc. zu erkennen). Hellmut Juretschke war damals nicht mit seiner Schwester, sondern mit seiner Lebensgefährtin unterwegs. Seine Schwester Ina Juretschke haben wir bei anderer Gelegenheit kennengelernt und zwar über ihre amerikanische Enkelin, die im Sommer 2007 auf den Spuren ihrer Vorfahren durch Europa reiste und eines Tages vor unserer Tür stand. Sie hat Fotos von unserem Haus gemacht und ihrer Großmutter gezeigt, und diese hat viele Details noch wiedererkannt. Wir haben Ina Juretschke geschrieben und ihr das Buch „Zwischenbilanz“ von Günter de Bruyn geschickt, woraufhin sie uns einen rührenden Brief zurückschrieb (seit Jahrzehnten zum ersten Mal auf deutsch!) und u.a. berichtete, dass sie mit der Tochter des dort im Kapitel „Hanne Nüte“ erwähnten jüdischen Arztes befreundet war. Großmutter und Enkelin haben sich im Sommer 2011 zu einer Europareise aufgemacht und uns ebenfalls besucht.

  2. Richard schrieb am 30. März 2013 um 18:56 Uhr

    Der „jüdische Arzt“ bei Frau Gagel war der Nachbar Juretschkes, der Hausarzt Dr. Jakoby, den de Bruyn beschreibt. Dieser war mit einer orthodox-jüdisch Gläubigen verheiratet und trat erst später dieser Religion bei, heißt es. In Preußen gab es in Personalakten in den 20er Jahren den Begriff Jude nicht. Es hieß in der Religionsspalte der Bürger Preußens mosaisch oder israelitisch und bei Vielen, die in der NS-Zeit in Neukölln zu Juden erklärt wurden: Dissident.

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