Adolf Eichmann

Interview mit den Kuratoren der Ausstellung „Das Ende der Idylle?“

Onkel Herse 34EichmannBarbara Hoffmann, Kuratorin der Ausstellung, arbeitet seit ca. zwei Jahren an der Ausstellung. Zu den Aufgaben gehören unter anderem die Recherche in diversen Archiven, Interviews mit Zeitzeugen und die Beteiligung an der Konzeption und Umsetzung der Ausstellung.

Volker Banasiak, wissenschaftlicher Mitarbeiter, ist seit eineinhalb Jahren mit dabei und recherchiert insbesondere die Biografien der Bewohner.


Warum zog Adolf Eichmann in die Hufeisensiedlung? Sind Ihnen die Umstände seines Einzugs bekannt?

Adolf Eichmann wurde 1934 vom Sicherheitsdienst (SD) in München in die Berliner Zentrale versetzt. Warum er mit seiner Partnerin Vera Liebl in die Wohnung in der Onkel-Herse-Straße 34 einzog, wissen wir leider nicht.

Zu welchem Zeitpunkt seiner Karriere wohnte Eichmann mit seiner Familie in der Hufeisensiedlung? Welche Aufgaben hatte er zu dieser Zeit?

Die Eichmanns wohnten im Zeitraum von 1935 bis 1938 in der Siedlung. Als Adolf Eichmann nach Berlin zog, stand er am Anfang einer steilen Karriere in der NSDAP. 1935 war er bereits SS-Oberscharführer und zu seinen Aufgaben zählte anfangs der Aufbau einer Freimaurer-Kartei. Der Organisation der Freimaurer hatte man nachgesagt, sehr viele jüdische Mitglieder zu haben. Die Kartei diente als Instrument der systematischen Erfassung der jüdischen Bevölkerung. Kurz nach seiner Ankunft in Berlin wurde in der Zentrale des SD das Referat für jüdische Angelegenheiten eingerichtet. Man versetzte Eichmann 1935 in die Abteilung II/112 „Juden“, wobei er mit der Leitung einer der drei Unterabteilungen, „Zionisten“, betraut wurde. Ab 1939 stieg er dann zum Leiter des gesamten Referats auf, welches später auch unter dem Namen „Eichmannreferat“ bekannt wurde und die Koordination und Organisation der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“ durchführte.

Sind über das Einzugsdatum Aussagen zur Veränderung der Bewohnerstruktur möglich? Markierte das Jahr 1935 einen generellen Umbruch in der Siedlung?

Der eigentliche Umbruch geschah bereits 1933. Von da an ziehen vermehrt Nationalsozialisten in die Siedlung, wobei die meisten vom relativ großen Wohnungsleerstand durch die Wirtschaftskrise und von der Flucht, Vertreibung und Verhaftung von Sozialdemokraten und Kommunisten profitierten. 1928 waren 124 Bewohner Mitglied der NSDAP, 1935 waren es schon 683 Bewohner. Generell ist ein Anstieg der Bewohner in den Siedlungen zu verzeichnen, u.a. auch durch die fortschreitende Bebauung.

Unterhielten die Eichmanns private Kontakte zu den Nachbarn?

Eichmann lebte ja noch nicht lange in Berlin und hatte hier demzufolge keinen großen Freundeskreis. Die Eichmanns waren eine ruhige Familie, die keinerlei Aufsehen erregte, und Akzeptanz bei ihren Nachbarn genoss. Sie entsprachen nach außen dem Idealbild einer SS-Familie, doch hinter der Fassade kam es bereits früh zu Spannungen. Vera Eichmann war kein Mitglied der NSDAP. Auch trotz Drucks seitens der NSDAP-Ortsgruppenleitung Britz, weigerte sie sich und blieb auf Distanz zur Politik. Zu einem Parteifunktionär sagte Eichmann einmal, dass seine Frau „hinter den Herd und in die Kinderstube gehört und dass dies für sie genug wäre.“

Darüber hinaus ist bekannt, dass Eichmann in seiner Freizeit vornehmlich Kontakt zu „Parteifreunden“ unterhielt. Aus seiner Biografie wissen wir zudem, dass er auch in Verbindung zu einem Lebensmittelhändler stand, der in der Nähe seiner Wohnung in Britz ansässig war. Denn nach dem Krieg gab sich Eichmann sogar unter dessen Namen aus.

1938 verließ Familie Eichmann die Siedlung. Aus welchen Gründen?

Nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 wurde Eichmann zur Zentralstelle des SD für jüdische Auswanderung in Wien versetzt.

1945 zieht Leo Hauser, einer der wenigen, die das KZ Auschwitz überlebt haben, in die Wohnung ein. Wusste er vom Vormieter?

Nein, sogar seine Biografin Inge Deutschkron wusste nichts vom Vormieter. Leo Hauser kam auf Empfehlung eines Freundes, den er im KZ Sachsenhausen kennenlernte. Hauser wohnte bis zu seinem Tod 1981 in der Siedlung.

Weitere Informationen über die genannten Personen stehen im Digitalen Archivsystem DAISY in der Ausstellung Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933 zur Verfügung.

(Fotos: Eingangstür Onkel-Herse-Straße 34, Foto: Barbara Hoffmann; Adolf Eichmann, 1942; Foto: Heinrich Hoffmann / Bayerische Staatsbibliothek)

Kommentieren

Weitere Einträge: