Mit den Schuhen der Wehrmacht

Onkel-Herse 53Der siebenjährige Georg Weise wacht am Morgen des 22. Februars 1937 von den lauten Stimmen im Erdgeschoss des Hauses Onkel-Herse-Straße 53 auf. Die Gestapo ist in das Haus gestürmt, um seinen Vater Kurt Weise festzunehmen. Im anschließenden Verfahren vor dem Volksgerichtshof wird er wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu 15 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust verurteilt. Gründe liefert Kurt Weise in den Augen der NS-Regierung viele: als langjähriges KPD Mitglied, schließt er sich 1929 der KPD-O an, einer Abspaltung der KPD. Er engagiert sich für die Solidaritätsarbeit politischer Häftlinge und gibt die Zeitung Der Pranger der Internationalen Hilfsvereinigung heraus.

Die letzten Jahre unter nationalsozialistischer Herrschaft verbringt Kurt Weise im Zuchthaus Brandenburg-Görden. Nach der Befreiung durch die Rote Armee am 28. April 1945 begeben sich die Häftlinge zu Fuß nach Berlin. Zuvor tauscht Kurt Weise seine Holzpantinen gegen die im Zuchthaus reparierten Bergschuhe der Wehrmacht ein. Mit diesen gelangt er im Mai 1945 zurück in die Hufeisensiedlung. 15 Jahre nach dem Morgen der Verhaftung begegnen sich Vater und Sohn erstmals wieder.

Weise

Die Bergschuhe, die Kurt Weise nach seiner Befreiung getragen hat, befinden sich nun in der Dauerausstellung 99 x Neukölln im Museum.

Weitere Informationen über die genannten Personen stehen im Digitalen Archivsystem DAISY in der Ausstellung Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933 zur Verfügung.

(Fotos: Eingangstür Onkel-Herse-Straße 53, Foto: Barbara Hoffmann; Georg Weise, 1937; Privatbesitz Georg Weise)


Kommentare

  1. Richard schrieb am 28. April 2013 um 12:13 Uhr

    Wieder eine Seite, die zum Weiterlesen geradezu herausfordert (wie auch die vorangegangenen zu Blankle oder Eichmann). Es sind Seiten, die viele Fragen aufdrängen dürften, die aber leider nicht einmal angedeutet werden.

    Diesmal zur Parteilinie von KPD und KPDO. Deshalb die Empfehlung, das Stichwort KPD-Opposition bei Wikipedia nachzulesen. Dann wird sich ein Horizont eröffnen, der die Jahre 1928-1933 beleuchtet und etwas auf die Kämpfe der Zeit eingeht, auf die Weisungsabhängigkeit der KPD von Stalin, auf den „vergiftenden“ Kampf gegen freie Gewerkschaften und SPD.

    Fragen stellen sich aber auch zum Engagement nach 1945 von Menschen, die 1929 doch offenbar unabhängiger dachten. Oder erlauben wir uns da heute Fragen, die sich qua Selbstzuodnung nicht stellten?

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