Umgeben von deutschen Spießern

Onkel-Bräsig 138

Wenn der bekannte Künstler Heinrich Vogeler und seine Frau Sonja Marchlewska Besuch von Freunden aus der Innenstadt bekommen, breiten sie Decken im Garten ihres Hauses in der Onkel-Bräsig-Straße 138 aus und genießen die Sonne. Ihr kleiner Sohn Jan tobt mit Freunden splitternackt umher. Hauptsächlich seinetwegen ist die Familie 1926 in die Britzer Siedlung gezogen und hat die Gartenfläche in einen Rasenplatz verwandelt. All das zum Ärger des Nachbarn, der sich über dieses Benehmen empört und über den Gartenzaun ruft: „Ich verbitte mir die Flegeleien!“ Würden ihre Freunde Erich und Zenzl Mühsam nicht in unmittelbarer Nachbarschaft wohnen, so hätte Familie Vogler die Siedlung sofort wieder verlassen. Heinrich Vogeler gehört zu einer Gruppe von Künstlern, die das kulturelle Leben der Hufeisensiedlung bereichern: er engagiert sich in der Britzer KPD-Wohngruppe, er illustriert deren Mieterzeitung und malt Plakate und Flugblätter für Stadtteilfeste.

1931 folgt Vogeler einer Arbeitseinladung nach Moskau. Von diesem Aufenthalt wird er nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Die Nationalsozialisten verwehren ihm die Rückkehr. Aus dem Exil heraus widmet er sich fortan dem Widerstandskampf. Als 1936 die „politischen Säuberungen“ Stalins beginnen, gehört er nun als angeblicher Feind der Revolution zu den Verfolgten. Heinrich Vogeler wird am 14. September 1941 nach Kasachstan gebracht, wo er im Juni 1942 an den Folgen von Mangelernährung stirbt.

Seit 1995 erinnert eine Gedenktafel vor dem Haus in der Onkel-Bräsig-Straße 138 an den Künstler.

Weitere Informationen über die genannten Personen stehen im Digitalen Archivsystem DAISY in der Ausstellung Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933 zur Verfügung.

(Fotos: Eingangstür Onkel-Bräsig-Straße 138, Foto: Barbara Hoffmann; Heinrich Vogeler mit seinem Sohn Jan, um 1927, Foto: Zofia Marchlewska: Eine Welle im Meer. Berlin 1968.)

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