Unbesungene Heldin

Dörchläuchting 35Gertrud Staewen zieht 1928 zusammen mit ihren beiden Kindern in die Dörchläuchtingstraße 35. Bereits als Jugendliche beteiligt sie sich aktiv in der evangelischen Gemeindearbeit. Gegen den Willen ihres Vaters absolviert sie eine Ausbildung als Fürsorgerin, dem Vorläufer des Erzieherberufs. Während ihrer Lehrjahre am sozialpädagogischen Seminar „Jugendheim“ von Anna von Gierke in Berlin kommt sie mit dem religiösem Sozialismus der Neuwerk-Bewegung in Kontakt, der für ihre spätere Arbeit prägend sein wird.

Die alleinerziehende Mutter passt mit ihren sozialpolitischen Interessen gut in den Kreis der Bewohner der Hufeisensiedlung, von denen viele Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre sind. Um sich fortzubilden, besucht sie in dieser Zeit die Deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit von Alice Salomon. Nach der Scheidung von ihrem Ehemann versucht sie über das Schreiben ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. 1933 erscheint ihr erstes Buch unter dem Titel „Menschen in Unordnung“, das sich mit sozialen Fragen vor allem der Arbeiterjugend auseinandersetzt. Es dauerte jedoch nicht lange und das Buch wird von den Nationalsozialisten verboten. Ihre zweite Veröffentlichung „Kameradin. Junge Frauen im deutschen Schicksal 1910–1930“ landet sofort nach Erscheinen 1936 auf dem Index. Ihre Mitgliedschaft in der SPD und ihr Engagement für „Neuwerk“ sind Anlass für mehrere Hausdurchsuchungen durch die politische Polizei. Doch belastendes Material kann nicht gefunden werden; die Haushaltshilfe von Gertrud Staewen, Wilhelmine Fuss, hat unter Vortäuschung „großer Wäsche“ noch rechtzeitig dafür gesorgt, Broschüren und Schriften zu verbrennen.

Über ihre Tätigkeit im Burckhardthaus-Verlag in Berlin Dahlem wird sie Mitglied der Dahlemer Kirchengemeinde. Hier unterstützt sie die „Bekennende Kirche“ und setzt sich für die von Deportation bedrohten „nichtarischen“ Gemeindeglieder ein. Sie steht in erster Linie als Ansprechpartnerin den Betroffenen zur Seite, bietet jedoch auch praktische Unterstützung und Begleitung bis zur Deportation an. Ihr Engagement bleibt bis zum Kriegsende unerkannt. 1958 wird sie vom Berliner Senat in die Liste der „Unbesungenen Helden“ aufgenommen.

Weitere Informationen über die genannten Personen stehen im Digitalen Archivsystem DAISY in der Ausstellung Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933 zur Verfügung.

(Fotos: Eingangstür, Dörchläuchtingstr. 35, Barbara Hoffmann; Gertrud Staewen, o. J.; Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand)

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