Die deutsche Familie im Bild

Hüsung 1

Die Geschäfte des Fotografen Henning Nolte laufen gut. Seit 1934 wohnt er mit seiner Familie im Hüsung 1. Dank der guten Auftragslage durch die Agentur des Leib- und Hoffotografen „des Führers“, Heinrich Hoffmann, kann sich Henning Nolte ein Automobil leisten. Damit fährt er mit den Kindern ab und zu hinaus ins Grüne. Die wenigsten Bewohner besitzen ein Auto, weshalb er in der Nachbarschaft für viel Aufsehen sorgt.

Henning Noltes Aufträge sind vor der Machtübernahme der Nazis unterschiedlicher Natur und reichen vom „Bildwerk des Pflanzenreiches“ über eine Bildserie der Tiefensee-Landschule des sozialdemokratischen Reformpädagogen Adolf Reichwein bis zu Aufnahmen für verschiedene Wochenillustrierte. Nach 1933 sind es jedoch vor allem Fotografien für die NS-Propaganda, die Henning Nolte lukrative Aufträge bescheren. Neben Bildern für Staat, Partei und Führer stehen die Volksgemeinschaft oder die „deutsche Familie“ im Fokus der Berichterstattung. Im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie arrangiert Nolte ästhetisierte Fotografien, in deren Mittelpunkt das Vorbild der deutschen Familie steht. Wie in unserem Beispiel deutlich wird, besteht das Ideal im Kinderreichtum und in häuslicher Stabilität. Tochter, Söhne und Mutter versammeln sich um den Vater im Wohnzimmer, um sich gemeinsam der Lektüre nationalsozialistischer Presse zu widmen. Die Vermittlung des NS-Rollenbildes spielt dabei eine ebenso bedeutende Rolle. Der Vater, als Ernährer der Familie, hält die Zeitung in der Hand während Frau und Kinder aufmerksam seinen Worten lauschen.

Nolte versteht es, die Bildsprache korrekt einzusetzen. Für seine Arbeiten lichtet er auch befreundete Nachbarn und deren Kinder ab, denen vor allem das Spielzeug Freude macht, das er von den Kaufhäusern für diese Aufnahmen leihweise zur Verfügung gestellt bekommt. Die Fotografien werden in allen populären Zeitschriften der NS-Zeit abgedruckt und prägen das Bild der deutschen Familie bis weit in die Nachkriegszeit hinein.

Weitere Informationen über die genannten Personen stehen im Digitalen Archivsystem DAISY in der Ausstellung Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933 zur Verfügung.

(Abbildungen: Eingangstür Hüsung 1, Foto: Barbara Hoffmann; Propagandafoto einer deutschen Familie beim Lesen der National-Zeitung, Hüsung 1, 1939; Fotograf: Henning Nolte, Foto: Privatbesitz Gisela Gernoth)

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