Liebesbriefe aus Wien

Gielower 47Der erste Gang des Tages führt Irmgard Adrian immer erst zum Briefkasten ihres Hauses in der Gielower Straße 47. Sehnlichst erwartet sie Nachricht von ihrem Mann Heinz. Der ist, nachdem er sich für die SS verpflichtet hat, zum Reichsfachgruppenleiter aufgestiegen. Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 werden ihm wichtige Aufgaben übertragen, die längere Reisen nach Wien nach sich ziehen. Hier ist er für die Senkung der Angestelltentarife auf das Niveau deutscher Gehälter im österreichischen Bankengewerbe zuständig, das im Zuge des Anschlusses in die deutsche Wirtschaft eingegliedert wird.

Die Luftpostbriefe aus Wien stecken voller Liebesschwüre und lassen den Stolz des Besatzers erkennen, der über die Aufrichtigkeit geschmeichelt ist, die ihm in SS-Uniform entgegengebracht wird.

Die geografische Trennung fällt dem Paar jedoch nicht leicht und hinterlässt seine Spuren. Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Ehe mit Irmgard geschieden und Heinz Adrian ein zweites Mal verheiratet.

Im Mai 1945 findet in der Gielower Straße 47 eine Hausdurchsuchung statt, bei der nationalsozialistische Literatur, Ausrüstungsgegenstände für SA und SS wie einen Gummiknüppel, diverse Fotografien von Adolf Hitler und Heinrich Himmler, eine Hitler-Büste und Munition beschlagnahmt werden.

Am 21. August 1946 verunglückt Heinz Adrian auf einer Fahrt nach Landsberg am Lech tödlich.

Weitere Informationen über die genannten Personen stehen im Digitalen Archivsystem DAISY in der Ausstellung Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933 zur Verfügung.

(Abbildungen: Eingangstür der Gielower Straße 47, Foto: Barbara Hoffmann; Brief von Heinz Adrian an seine Frau Irmgard, 1938; Quelle: Landesarchiv Berlin, A Rep. 244-03, Nr. 995)

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