Verschärft vernommen

Moses 46Im Juli 1933 wird der Prokurist Berthold Fietzke von SA-Männern aus seiner Wohnung in der Moses-Löwenthal-Straße 46 geholt, weil er illegal KPD-Zeitungen vertreibt. Sie verschleppen ihn ins SA-Sturmlokal Rudower Straße 95 und misshandeln ihn dort. Anschließend wird er zum Polizeipräsidium am Alexanderplatz gebracht und „verschärft vernommen“. Diese Methode ist im NS-Regime weit verbreitet und wird laut Befehl Reinhard Heydrichs, Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, nicht aktenkundig gemacht. Nach ergebnislosen Verhören kommt Berthold Fietzke im Gefängnis Moabit in Untersuchungshaft. Im anschließenden Prozess wird er jedoch vom Vorwurf der Vorbereitung zum Hochverrat freigesprochen und im Januar 1934 schwer krank entlassen. In der Hufeisensiedlung kann das Ehepaar Fietzke nun nicht länger bleiben, die Gefahr eines sich wiederholenden Überfalls durch die SA ist zu groß. Der Gesundheitszustand Berthold Fietzkes verschlechtert sich im Laufe der nächsten Jahre so sehr, dass er 1943 arbeitsunfähig geschrieben wird. Am 5. März 1947 stirbt er im Alter von nur sechzig Jahren.

Die Moses-Löwenthal-Straße wird 1933 von der nationalsozialistischen Bezirksverwaltung in Paster-Behrens-Straße umbenannt, um jüdische Bezeichnungen aus dem öffentlichen Leben zu entfernen. Sowohl Moses Löwenthal als auch Paster Behrens sind Romanfiguren in den Werken Fritz Reuters.

Weitere Informationen über die genannten Personen stehen im Digitalen Archivsystem DAISY in der Ausstellung Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933 zur Verfügung.

(Abbildung: Eingangstür Moses-Löwenthal-Str. 46, Foto: Barbara Hoffmann)

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