Projektpräsentation „Geteilte Erinnerungen“

Collage_Hufeisensiedlung1Am Donnerstag, den 27. Juni, um 17 Uhr werden im Museum Neukölln die Ergebnisse des von der Stiftung „Erinnern, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) geförderten Projekts „Geteilte Erinnerungen“ präsentiert. Endprodukt ist ein Audio-Walk, der ausgeliehen oder im Internet heruntergeladen werden kann und für einen Rundgang durch die Hufeisensiedlung konzipiert ist.

Barbara Lenz und Roos Versteeg, die beiden Projektleiterinnen, im Gespräch mit dem Museum Neukölln.

Barbara und Roos, könntet ihr das Projekt und die Ziele dahinter kurz beschreiben.

Dafür muss man ein wenig ausholen: Anlass war das Forschungsprojekt des Museums zur Hufeisensiedlung und Dr. Udo Gößwald bat uns, dazu eine Workshopreihe mit den Bewohnern durchzuführen.

Dabei nahmen wir die geschichtliche Vielfalt in Neukölln zum Anlass, die Lokalgeschichte in einen globalen Vergleich zu stellen und uns auch mit den historischen Erfahrungen von Menschen zu beschäftigen, die nicht in der Hufeisensiedlung verwurzelt sind. Uns interessierten zum einen ihre eigenen geschichtlichen Erfahrungen die sie selbst, oder Ihre Eltern in anderen Teilen der Welt gemacht haben, zum anderen aber auch Ihre Perspektiven auf die deutsche Geschichte.

Was uns zu diesem Ansatz bewegt hat war aber nicht nur die Wahrnehmung dessen, dass in einem Einwanderungsland unheimlich viele geschichtliche Erfahrungen zusammen kommen, sondern auch die Bewusstwerdung darüber, dass diese in der hiesigen Erinnerungskultur marginalisiert werden. Während die Erinnerung an die NS-Zeit im kollektiven Gedächtnis permanent wach gehalten wird, wissen wir kaum etwas über die „Vor-Geschichte“ von Menschen mit Migrationshintergrund. Von vornherein war neben der Workshopreihe die Konzeption eines Audiowalks geplant. Die geführten Interviews der Teilnehmer dienten dabei als Grundlage für einen Audio-Spaziergang durch die Hufeisensiedlung.

Also eine Führung durch die Hufeisensiedlung mit Audio-Guide?

Ja, wobei hier der Fokus nicht auf Führung oder Guide liegen soll, denn der Walk versteht sich weder als Architekturführung noch als eine vollständige Geschichte über die Hufeisensiedlung. Den roten Faden des Spaziergangs bildet die Auseinandersetzung mit dem Gemeinschaftsleben in der Hufeisensiedlung – vor, während und nach der Zeit des Nationalsozialismus. Immer wieder wird der Hörer jedoch auch mit Geschichten und Erfahrungen konfrontiert, die nicht in direktem Zusammenhang zur Hufeisensiedlung stehen. Wir wollen zu einer breiten Auseinandersetzung mit Geschichte und Erinnerung einladen und fordern den Hörer auch ein wenig dazu auf, gewohnte Denkmuster zu überschreiten.

Wie wird das erreicht?

Wir vergleichen die Erfahrungen von Bewohner/-innen der Hufeisensiedlung mit den historischen Erfahrungen von Menschen, die nicht hier aufgewachsen sind. Zugleich lenken wir die Auseinandersetzung immer wieder zu übergeordneten Fragestellungen.

Das Ergebnis gleicht einem Stimmenchor, in dem jede Stimme für eine bestimmte Erfahrung oder Perspektive steht. Die Stimmen erklingen nicht gleichzeitig, sondern sind aneinandergereiht, wechseln sich gegenseitig ab, so dass jede Stimme gehört werden kann. Dennoch wirken die Stimmen zusammen.

Wir sind im Nachhinein sehr dankbar für die große Vielfalt an Interviewpartnern, die einem aufgrund ihrer Schilderung ganz wunderbar den Spiegel vorhalten. Und somit zum Nachdenken anregen.

An dem Projekt haben auch Menschen mit Migrationshintergrund teilgenommen?

Ich bin nicht sicher, wie gerne ich das Wort „Migrationshintergrund“ noch verwenden möchte.

Kürzlich bin ich bei einer Veranstaltung einer Dame begegnet, die von sich als „mobile Frau“ gesprochen hat. Ich finde diesen Begriff sehr treffend, weil er ausdrückt, dass Ortswechsel etwas Normales sind.

Nicht alle, die bei unserer Workshopreihe mitgemacht haben, sind in Deutschland geboren. Es haben aber auch Menschen mitgemacht, die hier geboren sind und sich als Deutsche sehen, die aber immer wieder von außen gespiegelt bekommen, dass sie irgendwie nicht richtig dazu gehören.

Aber die Erfahrungen, die genau diese Personen in Deutschland gemacht haben, ob hier geboren oder nicht, hat uns dazu bewogen, über die Auseinandersetzung mit Geschichte nachzudenken. Wem wir die Identifikation mit der Deutschen Geschichte zugestanden, wem nicht? Wer darf an deren Aufarbeitung partizipieren, wer nicht? An was erinnern wir? Welche geschichtlichen Erlebnisse werden von der offiziellen Erinnerungskultur komplett vernachlässigt?

Ab wann und wo erhält man diesen Audio-Guide?

Am Donnerstag, den 27. Juni 2013 um 17 Uhr werden die Ergebnisse des Workshops sowie der Audio-Guide in Auszügen von uns im Museum Neukölln vorgestellt. Am Samstag darauf bieten wir dann einmalig die Möglichkeit der begleitenden Audiowalk-Führung, bei der wir zusammen mit Interessierten die Führung unternehmen und uns im Anschluss im Museum zusammenfinden, um so ins Gespräch zu kommen und Eindrücke sammeln zu können.

Von da an wird es direkt im Museum Neukölln möglich sein, die Audio-Geräte auszuleihen. Aber auch im Service-Point in der Fritz-Reuter-Allee 46 werden welche zur Ausleihe hinterlegt sein. Zudem arbeiten wir momentan an der Website, so dass die Datei als Download heruntergeladen und auf ein mobiles Endgerät übertragen werden kann.

Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg mit dem Projekt.

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