Ostergrüße

Onkel-Bräsig 142Als Franz Gutschmidt Ostern 1932 ein nationalsozialistisches Flugblatt in seinem Briefkasten im Haus der Onkel-Bräsig-Straße 142 entdeckt, ist er empört. Zwei Tage zuvor sind aufgrund einer Notverordnung des Reichspräsidenten politische Betätigungen während der Osterzeit verboten worden. Grund genug für ihn, ein Schreiben an das Polizeipräsidium zu verfassen: „Am Sonnabend, den 26. des Monats, sind in der Gehag-Siedlung in Britz nationalsozialistische Flugblätter verteilt worden. […] Falls es für die Ermittlung von Wert sein sollte, bin ich bereit, Namen und Adressen der Funktionäre der NSDAP, die in der Gehag-Siedlung wohnen, anzugeben.“

Vor der Machtübernahme 1933 leben bereits etwa 200 namentlich bekannte Mitglieder der NSDAP oder ihrer Organisationen in der Großsiedlung Britz. Gegen ihre republikfeindlichen Gewaltaktionen richtet sich das Bündnis Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, dem überwiegend

Sozialdemokraten angehören. Ihr Britzer Leiter ist Franz Gutschmidt, der zugleich SPD Stadtverordneter von Neukölln und Geschäftsführer der GEHAG ist.

In seinem Beruf als Ziseleur arbeitet Franz Gutschmidt nicht sehr lange, denn schon 1907 wird er von der „Generalkommission der Gewerkschaften“ angestellt und 1913 für die SPD, der er seit 1897 angehört, in die Gemeindevertretung Britz und zum Gemeindeschöffen gewählt.

Nach dem Ersten Weltkrieg wird Gutschmidt 1920 in die Bezirksverordnetenversammlung Neukölln gewählt. Eines der größten Probleme, denen er sich widmen wird, ist die gravierende Wohnungsnot. Um dem entgegenzuwirken kauft die Stadt Berlin das ehemalige Rittergut in Britz, mit dem Ziel dort eine Großsiedlung zu errichten. Für die Durchführung des Projekts wird im April 1924 unter anderem das Wohnungsunternehmen „Gemeinnützige Heimstätten-, Spar- und Bau-AG“ (GEHAG) gegründet, deren Aktionäre Gewerkschaften, Baugenossenschaften und die Wohnungsfürsorgegesellschaft der Stadt Berlin sind. Als Geschäftsführer arbeitet Franz Gutschmidt eng mit dem Stadtbaurat und Parteigenossen Martin Wagner sowie dem Architekten Bruno Taut zusammen.

Gutschmidt ist bis Mai 1933 im Vorstand der Wohnungsbaugesellschaft GEHAG tätig. Er kennt die NSDAP-Mitglieder in seiner Umgebung und verfolgt deren vermehrte Auftritte in der Öffentlichkeit – jedoch ohne Wirkung! Nach dem SPD-Verbot verliert Gutschmidt sein Stadtverordnetenmandat und seine Stellung als Geschäftsführer. Sein Haus in der Hufeisensiedlung muss er aufgeben. Erst nach 1945 ist Gutschmidt wieder für die GEHAG tätig und tritt erneut der SPD bei.

Weitere Informationen über die genannten Personen stehen im Digitalen Archivsystem DAISY in der Ausstellung Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933 zur Verfügung.

(Abbildung: Eingangstür Onkel-Bräsig-Straße 142, Foto: Barbara Hoffmann; Franz Gutschmidt, o. J.; Foto: GEHAG-Archiv / Deutsche Wohnen AG)

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