Erich Mühsam

Dörchläuchting 48Am 10. Juli 2013 jährte sich das Todesdatum Erich Mühsams zum 79. Mal. Aus diesem Anlass führten wir ein Interview mit den Kuratoren der Ausstellung „Das Ende der Idylle?“ Barbara Hoffmann und Volker Banasiak.

Können Sie in einem Satz die Person Erich Mühsam beschreiben?

Das ist natürlich nicht so leicht. Versuchen wir es so: Mühsam war gleichzeitig Dichter, Schriftsteller, Bohemien, Redakteur, Wanderer, Geheimbündler, Anarchist, Agitator und Tierfreund.

Um sich einen Eindruck von seiner Person verschaffen zu können, empfehlen wir die Tagebücher Erich Mühsams. Die Jahre 1910 bis 1915 können online unter www.muehsam-tagebuch.de eingesehen werden.

Unter welchen Umständen zog Erich Mühsam nach Berlin?

Erich Mühsam kam 1924 nach Berlin. Zuvor saß er fünf Jahre lang im Gefängnis Niederschönenfeld in Bayern. Als einer der führenden Akteure der Münchener Räterepublik wurde er nach deren Niederschlagung als „treibendes Element“ zu 15 Jahren Haft verurteilt. Aufgrund einer Generalamnestie, die zum Ziel hatte, den Putschisten Adolf Hitler 1923 nach weniger als neun Monaten Haft aus dem Gefängnis zu befreien, wurde auch Mühsam 1924 vorzeitig entlassen.

Seine Frau Zenzl war bereits in Berlin. Auf Drängen ihres Mannes verließ sie Bayern, da sie sich hier zunehmenden Feindseligkeiten ausgesetzt sah. In Berlin kam sie abwechselnd bei Familienangehörigen und Freunden von Erich unter. Das Ehepaar war in linken Kreisen sehr bekannt und bei Mühsams Ankunft in Berlin begrüßten ihn hunderte von jubelnden Menschen.

Ist Ihnen bekannt, warum sich das Ehepaar für die Hufeisensiedlung entschied?

Das Ehepaar zog 1927 in das Reihenhaus in der Dörchläuchtingstraße 48. Zu der Zeit hatte Erich Mühsam bereits einige Ausgaben seiner politischen Monatszeitschrift FANAL veröffentlicht und galt als Vordenker der Anarchistischen Vereinigung. Konkrete Anhaltspunkte, weshalb die Familie in die Hufeisensiedlung zog, haben wir nicht. Wir gehen jedoch davon aus, dass diese moderne Siedlung mit vorwiegend politisch links engagierten Bewohnern für Erich und Zenzl Mühsam attraktiv war. Ende der Zwanziger Jahre lebten hier auch viele Künstler und Intellektuelle,

Dann konnte Familie Mühsam hier schnell Kontakte zu den Bewohnern knüpfen?

Ja, sie hatten hier sehr schnell einen großen Freundeskreis. In ihrer Nähe lebten Erichs langjähriger Freund, der Buchhändler, Verleger und Kabarettgründer Leon Hirsch, der Anarchist Rudolf Rocker mit seiner Frau Milly Witkop, Heinrich Vogler mit seiner Frau Sonja und Sohn Jan und Stanislaw Kubickis und Margarete Kubicka mit ihren beiden Kindern. Zu allen pflegten die Mühsam einen engen Kontakt. Das Haus der Mühsams war stets offen für Gäste, Zenzls Kochkünste waren unter Freunden legendär. Da Erich zu der Zeit auch für die Piscator-Bühne arbeitete, bekamen sie auch oft Besuch von Kollegen und Schauspielern.

Erich Mühsam war den Nationalsozialisten nicht unbekannt. Warum entschied er sich dennoch nicht für die Emigration?

Das ist in der Tat eine tragische Geschichte: denn Erich Mühsam soll bereits eine Zugfahrkarte nach Prag gehabt haben. Zuvor wollte er jedoch noch einen Termin mit einem Journalisten wahrnehmen, der ihn jedoch versetzte. Mühsam verpasst den Zug und wurde am Morgen des 28. Februar 1933, sofort nach dem Reichstagsbrand, von den Nationalsozialisten verhaftet. Damit war sein Schicksal besiegelt. Er sollte nicht mehr frei kommen. Am 10. Juli 1934 wurde er von SS-Angehörigen im KZ Oranienburg ermordet.

Die Quellenlage zu Erich Mühsams ist ja weit umfangreicher als zu anderen Bewohnern der Hufeisensiedlung. Haben Sie dennoch im Zuge Ihrer Recherchen neue Erkenntnisse zur Person gewinnen können?

Ja. Wir haben zum Beispiel ein akribisch geführtes Protokoll der Gestapo vom 30. Oktober 1934 entdeckt. In diesem Papier wurde alles festgehalten wurde, was von der Gestapo im Haus Dörchläuchtingstraße 48 beschlagnahmt und vernichtet wurde. Unter anderem Erich Mühsams komplette Bibliothek mit über 630 Titeln. Das Mobiliar, das nicht vernichtet worden ist, wurde eingelagert und 1935 versteigert – mit einem Erlös von 57 Reichsmark.

Was passierte nach der Verhaftung mit dem Haus in der Dörchläuchtingstraße 48? Sind die Nachmieter bekannt?

Zenzl floh kurz vor Erich Mühsams Beerdigung auf dem Waldfriedhof Dahlem. Sie hatte den Hinweis bekommen, dass die Gestapo auch sie verhaften wollte. Nach der Beschlagnahmung von Mühsams Mobiliar und Inventar wurde das geräumte Haus 1934 an neue Mieter vergeben. Über diese haben wir jedoch keine weiteren Informationen.

Weitere Informationen über die genannten Personen stehen im Digitalen Archivsystem DAISY in der Ausstellung Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933 zur Verfügung.

(Abbildung: Eingangstür Fritz-Reuter-Allee 50, Foto: Barbara Hoffmann; Erich Mühsam als Häftling im KZ Oranienburg, 3. Februar 1934; Foto: Erich-Mühsam-Gesellschaft Lübeck)

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