„Es durfte nur nicht politisch werden …“

Lowise Reuter 23 KopieMeine Eltern, Ernst und Elfriede Krahn, sind 1926 in die Fritz-Reuter-Allee 5 eingezogen, 1934 dann in den Lowise-Reuter-Ring 23, genau in der Mitte, gegenüber der Freitreppe. Da hatte ich dann mein eigenes Zimmer. Wir sind oft, wenn wir größere Einkäufe erledigen mussten, mit der Straßenbahn zum Hermannplatz zu Karstadt gefahren. Wir sind auch auf den Dachgarten Kaffee trinken gegangen, aber am besten gefiel mir der Kinderfriseur. Da gab es Pferdchen und einen Hahn, auf denen die Kinder gesetzt wurden, wenn ihnen die Haare geschnitten werden sollten.

Meine Eltern sind gern tanzen gegangen und waren oft beim Fünf-Uhr-Nachmittagstee in einem Ausflugslokal in Treptow, dahin haben sie mich mitgenommen. Ich erinnere mich noch an einen Automaten, der für einen Groschen gekräht und ein Blechei mit Bonbons ausgespuckt hat. Dieses Blechei war für mich viel schöner als die Süßigkeiten, die ich zu Hause bekam. Wenn meine Eltern abends ins Resi tanzen gingen, musste ich allein zu Hause bleiben. Aber das machte mir nichts aus, ich war schon früh sehr selbstständig. Ich habe dann die Wohnung abgeschlossen, da konnte mir nichts passieren. Nach dem Krieg war ich selber ein paar Mal im Resi, das war so schön mit den Tischtelefonen.

Nach 1933 musste ich zu den Jungmädeln, das hat meinem Vater überhaupt nicht gefallen, aber das wurde in der Schule kontrolliert. Ich durfte nicht ins Zeltlager mitfahren, konnte nur Wanderungen mitmachen, wenn wir abends wieder zu Hause waren. Das war schon schwer, wenn die anderen dann erzählten, was sie alles im Zeltlager erlebt haben. Zum Glück hatte ich eine Freundin im Lowise-Reuter-Ring 25, die auch nicht mitfahren durfte, das war ein gewisser Trost für mich. […]

Obwohl wahrscheinlich alle in unserer Umgebung wussten, welche politische Einstellung mein Vater hatte, war das Verhältnis zu unseren Nachbarn gut. In unserem Haus wohnte nur ein Mieter, von dem wir wussten, dass er in der NSDAP war. Vor allem während des Krieges rückten wir alle näher zusammen und halfen einander. Mein Vater war kein Außenseiter, er hat sich mit jedem unterhalten. Es durfte nur nicht politisch werden, dann sagte er seine Meinung. Aber solange das neutrale Gespräche waren, ging alles gut.

Als 1943 die Schulen in Berlin geschlossen wurden, bin ich mit meiner Mutter nach Schlesien evakuiert worden, Vater wurde etwas später nach Thüringen dienstverpflichtet. Ich bin dann beim Arbeitsdienst in der Nähe von Leipzig als Scheinwerferführerin eingesetzt worden. Als ich Ende des Krieges nach Berlin zurückkehrte, war die ganze Innenstadt kaputt. Ich habe mich nach Britz durchgeschlagen und zwei Tage später kamen auch meine Eltern aus Schlesien und Thüringen zurück. Mein Vater war völlig aus dem Häuschen! Er hatte mich schon in Kriegsgefangenschaft oder sonst wo gesehen. Er konnte es gar nicht fassen, als er mich sah. […]

Bis zu meiner Heirat 1956 habe ich im „Hufeisen“ bei meinen Eltern gewohnt. Mein Vater blieb dort bis zu seinem Tod 1973 und meine Mutter, bis sie in ein Altersheim ziehen musste.

Auszüge aus einem Interview mit Gisela Gernoth, geb. Krahn, am 18. Mai und 6. Juni 2012 im Museum Neukölln.

Weitere biografische Materialien finden Sie im Digitalen Archiv-Informationssystem DAISY auf unseren iPads. Bitte wenden Sie sich an die Besucherbetreuung.

(Abbildungen: Einganstür Lowise-Reuter-Ring 23, Foto: Barbara Hoffmann; Familie Krahn unter dem Weihnachtsbaum, Silvester 1933; Foto: Privatbesitz Gisela Gernoth)


Kommentieren

Weitere Einträge: