Heimlicher Besuch

Malchiner110Jedes Wochenende bekommt das Ehepaar Fritzsche in ihrem Haus in der Malchiner Str. 110 heimlichen Besuch. Die Lehrerin Hanna Scharafan aus Kiew findet bei ihnen für kurze Zeit Geborgenheit. Sie gehört zu den „Ostarbeiterinnen“ des Flugzeugwerks Johannisthal . Dort arbeitet Alfred Fritzsche als technischer Kontrolleur und weiß um die Situation der Zwangsarbeiterinnen. Gemeinsam mit seiner Frau Charlotte Fritzsche sowie kommunistischen und sozialdemokratischen Freunden unterstützt er die Frauen, obwohl das NS-Regime Kontakte strengstens untersagt. . Etwa fünfzig Frauen und Mädchen werden mit Kleidung, Schuhen, Lebensmitteln und Medikamenten versorgt, dreißig von ihnen an Wochenenden bei ihnen selbst oder bei befreundeten Familien untergebracht.

1943 sind in Neukölln 16 405 ausländische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in 40 Lagern untergebracht. Allein in Britz sind es 17, in ganz Berlin über 1 000 Lager. Während der NS-Zeit müssen eine halbe Million Menschen in Berlin unter menschenunwürdigen Bedingungen Zwangsarbeit leisten. Sie ersetzen die im Kriegseinsatz stehenden Männer und arbeiten vor allem in der Landwirtschaft und in der Rüstungsindustrie. Ein Großteil von ihnen stammt aus Polen und der Sowjetunion, etwa die Hälfte von ihnen sind Frauen.

FritzscheIm Januar 1945 wird Alfred Fritzsche wegen seiner humanitären Hilfe für die Zwangsarbeiterinnen ins Sudetenland strafversetzt. Hier lässt Fritzsche einen Teil der Fabrik, in der er arbeitet, durch einen Sabotageakt ausbrennen. Daraufhin wird er zum Volkssturm eingezogen wird. Im April gelingt ihm die Flucht nach Berlin. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzen Alfred und Charlotte Fritzsche ihre politische Arbeit fort und treten in die KPD ein. 1948 verlassen sie die Hufeisensiedlung und ziehen in die Ostzone nach Ost-Berlin.

(Abbildungen: Eingangstür Malchiner Str. 101, Foto: Barbara Hoffmann; Alfred Fritzsche, 1945; Foto: Landesarchiv Berlin, C Rep. 375-01-01, Nr. 1048)

Weitere biografische Materialien finden Sie im Digitalen Archiv-Informationssystem DAISY in der aktuellen Ausstellung „Das Ende der Idylle? Die Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung vor und nach 1933“.

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