Die Rote Kapelle in Neukölln

Gielower 23„KLX an RTX 1010“ … „KLX an RTX 1010“ … Chiffrierte Nachrichten wie diese gehen ab 1937 nachts aus der Gielower Straße 23 in den Äther. Was tagsüber eine Fotowerkstatt ist, verwandelt sich nach Ladenschluss in eine geheime Funkstation. Johannes Wesolek übermittelt streng vertrauliche Informationen nach Moskau an den sowjetischen Geheimdienst. Neben Morsen, Funken und dem Auffangen von Funksprüchen ist er auch im Fotokopieren von Papieren sowie in der Dokumentenfälschung aktiv.

Johannes Wesolek ist Teil eines neuen Agentennetzes, das der militärische Geheimdienst der Sowjetunion ab 1937 aufbaut. Es soll ihm Informationen über militärische und industrielle Entwicklungen in Deutschland liefern. Dabei greift der Nachrichtendienst auf Kundschafter der KPD in Berlin zurück. Viele von ihnen sind inzwischen im Widerstand gegen das NS-Regime aktiv. In den folgenden Jahren übermitteln sie kriegswichtige Entscheidungen und militärische Bewegungen nach Moskau. Doch die Gestapo kommt dem Spionagenetz auf die Spur. Sie gibt ihm den Namen „Rote Kapelle“.

Am 19. Oktober 1942 wird Johannes Wesolek von der Gestapo verhaftet. Bereits tags zuvor sind Wesoleks Vater Stanislaus, seine Mutter Frieda und sein Großvater Emil Hübner festgenommen worden. Ausgelöst werden diese und noch weitere Verhaftungen von einer Sonderkommission der Polizei, die den sowjetischen Spionage- und Widerstandsring um den Luftwaffenoffizier Harro Schulze-Boysen aufdeckt . Am 28. Mai 1943 wird Johannes Wesolek vom Reichskriegsgericht wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Seine Eltern und sein Großvater werden am 5. August 1943 in Plötzensee hingerichtet. Nachdem Johannes Wesolek im April 1945 von der Roten Armee aus dem Zuchthaus Brandenburg befreit wird, kehrt er nach Neukölln zurück, wird Polizist und Revierleiter bei verschiedenen Dienststellen.

(Abbildung: Eingangstür Gielower Str. 23, Foto: Barbara Hoffmann)

Weitere Informationen über die genannten Personen stehen im Digitalen Archivsystem DAISY in der Ausstellung Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933 zur Verfügung.

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