Das Ende einer Reformschule

Mining 34Ab 1928 macht sich der Lehrer Hans Alfken jeden Morgen von der Miningstraße 34 auf den knapp fünf Kilometer langen Weg in die Kaiser-Friedrich-Straße (heute Sonnenallee). Dort unterrichtet er ab 1926 Deutsch und Englisch am Kaiser-Friedrich-Realgymnasium; einer Neuköllner Reformschule (heute Ernst-Abbe-Schule).

Der sozialdemokratische Schulreformer Fritz Karsen ruft Hans Alfken 1926 an die Schule, die er zu einer weltlichen Gesamtschule ausgebaut hat und später, zum Schuljahr 1929/30, in Karl-Marx-Schule umbenennt. Hans Alfken ist Lehrer einer Klasse mit besonders vielen Kindern aus Arbeiterfamilien. Er entwickelt ein partnerschaftliches Verhältnis zu seinen Schülern und leitet sie zur Selbstständigkeit an. Das hier praktizierte Konzept einer Gesamtschule wird von konservativen und nationalsozialistischen Kräften heftig angegriffen. Kurz nach der Machtübernahme, am 22. Februar 1933 werden neben dem Schuldirektor Fritz Karsen auch viele Lehrer der Karl-Marx-Schule entlassen oder versetzt.

Die Schule wird zu Beginn des folgenden Schuljahrs wieder in Kaiser-Friedrich-Realgymnasium zurückbenannt und das Reformschulmodell beendet. In der Aula hängt nun die Hakenkreuzfahne.

Auch das Leben von Hans Alfken ändert sich in diesen Tagen schlagartig. Als Mitglied der 1933 verbotenen Kommunistischen Partei steht er nun unter Aufsicht der Staatspolizei. Trotzdem leistet er illegal Parteiarbeit und findet, nach längerer Zeit ohne Arbeit, Anstellung als Buchhalter in verschiedenen Unternehmen. Die Familie verlässt 1934 das Haus in der Miningstraße und taucht unter. Im Oktober 1938 wird Alfken verhaftet und zu einer fünfzehnmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt, die er zum Teil in einem Arbeitslager verbüßt.

1940 aus der Haft entlassen, wird Alfken zum Militärdienst einberufen. Bei Kriegsende 1945 kehrt er in seine alte Heimat nach Norddeutschland zurück.

(Abbildungen: Eingangstür Miningstr. 34, Foto: Barbara Hoffmann; Hans Alfken (Mitte) mit der Klasse U II c auf einer Wanderung nach Tiefensee, 1930; Foto: Museum Neukölln)

Weitere Informationen über die genannten Personen stehen im Digitalen Archivsystem DAISY in der Ausstellung Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933 zur Verfügung.

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Kommentare

  1. Richard schrieb am 16. September 2013 um 18:46 Uhr

    Als Hans und Lotte Alfken in der Siedlung einziehen, sind sie seit einem Jahr etwa Mitglieder der KPD. Eine Kurzbiografie weist auf enge Beziehungen zu Heinrich Vogeler und dem Ehepaar Hedda und Karl Korsch hin. Sie ist Kollegin an der Schule von Fritz Karsen und er Professor und KPD-Mitglied des Reichstages. Als Kritiker der Stalinisierung von Komintern und KPD war dieser Ende April 1926 aus der KPD ausgeschlossen worden. Heinrich Vogeler wird als Anhänger der KPD-Opposition 1929 ausgeschlossen werden. Er ist zwischen1923 und September 1925 mehrfach monatelang in der SU.Da Karl Korsch auch vertrauensvolle Beziehungen zur russischen Arbeiteropposition hat und ihn Sapronov 1925 heimlich in Berlin besucht, kann man davon ausgehen dass Alfkens zu den Bestinformierten in Britz gehören. Zumal sie auch das Schicksal des 1928 in den Reichstag gewählten Neuköllner Konrad Blenkle von der KPD miterleben, der ebenfalls in der Siedlung wohnt und gleich nach seinem Einzug in den Reichstag politisch entmachtet wird, als er einmal gegen Thälmann stimmt. 1930 reist Hans Alfken in die Sowjetunion. Vermutlich bis 1933 schreibt er Berichte für die sich Stalin unterwerfende deutsche Partei, deren Sprecher er an der Schule ist!

    Da bleibt schon vor 33 wenig Raum für eine Idylle! Machen wir uns heute womöglich völlig falsche Vorstellungen von politischen Freundschaften damals? War alles schon 1928 von gegenseitigem Misstrauen vergiftet und schweißte nur noch der Kampf gegen die braunen Horden und die die „Sozialfaschisten“ von der SPD die führenden Kommunisten zusammen?

    Alfken, der 1946 in Niedersachsen persönlicher Referent von Kultusminister Adolf Grimme und SPD-Mitglied wird, quälte, trotz persönlich sehr glaubhafter Wende, bis zu seinem 90. Geburtstag die Tatsache, dass er damals für die KPD die Spitzelberichte über seinen Schulleiter schrieb (und vermutlich mitverantwortlich war, dass dieser kein Besuchervisum für die Sowjetunion bekam. Daran war auch der Spitzel mitverantwortlich, der wiederum über seinen Lehrer Hans Alfken die Berichte für die KPD schrieb, denn auch er half bewußt dabei, dass sich Karsen kein eigenes aktuelles Bild vom Bildungssystem in der Sowjetunion machen konnte.)

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