Das tragische Leben der Gertrud Seele

Parchimer 75Die Arbeitergroßfamilie Seele zieht 1932 aus der Neuköllner Flughafenstraße in die Parchimer Allee 75. Gertrud ist eines von zwölf Kindern der Sozialdemokraten Ferdinand Seele und seiner Frau Luise. Kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten kommt Gertrud, die zunächst die Rütli-, dann die Elbe-Aufbauschule in Neukölln besucht, in Konflikt mit den neuen politischen Verhältnissen. Die mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn ausgestattete selbstbewusste junge Frau wird der Elbe-Schule verwiesen, da sie sich spöttisch gegenüber ihrem vormals sozialdemokratischen, nun nationalsozialistisch eingestellten Rektor äußert.

Gertrud Seele wird in den kommenden Jahren zur Krankenschwester ausgebildet, legt später auch ein Fürsorgeexamen ab und unterstützt ihren Bruder Paul bei der Hilfe verfolgter jüdischer Menschen, die in ihrer unmittelbaren Nähe leben.

Im Jahr 1941 kommt Gertruds Tochter Michaela zur Welt. Paul und zwei weitere Brüder sind mittlerweile eingezogen. Nach den wochenlangen schweren Luftangriffen auf Berlin reist Gertrud auf Einladung der Landwirtin Mose zu Ostern 1943 in den Ort Merke in der Lausitz. Die beiden Frauen verstehen sich gut und Gertrud darf im August, als Berlin erneut von schweren Angriffen betroffen ist, gemeinsam mit ihrer Tochter für einige Zeit nach Merke übersiedeln. Sie bringt ihre Tochter und ihre Aussteuer dort zunächst in Sicherheit, hilft bei der Feldarbeit und kommt in Kontakt mit Nachbarn und weiteren Helfern.

Gegenüber der Hausherrin macht Gertrud Seele in den nächsten Wochen ebenso wenig

einen Hehl aus ihrer Abneigung gegen Krieg und nationalsozialistische Regierung wie in Gesprächen mit Besuchern oder Angestellten der Landwirtin. Selbst dem Ableser des Elektrizitätswerks gegenüber, einem NSDAP-Mitglied, äußert sie ihre Meinung. Während Gertrud im Oktober 1943 nach Britz zurückkehrt, hat sich der Bürgermeister in Merke bereits ein umfassendes Bild über die junge Berlinerin gemacht. Frau Mose hat gegenüber dem Amtsvorstand und der örtlichen Polizei die Äußerungen Gertruds gemeldet und Zeugen benannt. Der Nachbar Lindner bestätigt die Aussagen.

Als im Dezember 1943 wieder Bomben auf Berlin fallen und das Haus in der Parchimer Allee getroffen wird, beschließt Gertrud, erneut aufs Land zu fahren, um dort weitere Habseligkeiten in Sicherheit zu bringen. Im Januar 1944 wird Gertrud Seele in Merke verhaftet und kommt für viele Monate ins Gefängnis. Erst im Oktober 1944 erhebt der Oberreichsanwalt Anklage wegen „gehässiger und kriegshetzerischer Äußerungen, Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung“.

Am 6. Dezember 1944 verhängt der Volksgerichtshof in Potsdam, gestützt auf Zeugenaussagen, das Todesurteil über Gertrud Seele. Ihr Vater Ferdinand Seele, im Gerichtssaal anwesend, bekommt daraufhin einen Schlaganfall, an dem er kurze Zeit später stirbt.

Ein Gnadengesuch des Rechtsanwalts von Gertrud Seele wird abgelehnt. Das Urteil wird am 12. Januar 1945 in Plötzensee vollstreckt.

Im Jahr 1948 werden die Landwirtin Mose und der Nachbar Lindner wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit vom Landgericht Cottbus gemäß Kontrollratsrecht zu Zuchthausstrafen von zehn beziehungsweise acht Jahren verurteilt.

 

 

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(Abbildungen: Eingangstür Parchimer Allee 75, Foto: Barbara Hoffmann; Gertrud Seele mit ihrer Tochter Michaela, Weihnachten 1941; Foto: Privatbesitz Michaela Enderwitz; Briefe von Gertrud Seele aus der Haftanstalt Plötzensee an ihre Eltern und Tochter)

Weitere Informationen über die genannten Personen stehen im Digitalen Archivsystem DAISY in der Ausstellung Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933zur Verfügung.

 

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