„Hast Du schon die Gasmasken besorgt?“

Fritz Reuter 65Arnulf Hinz hat sich 1933 mit dem Eintritt in die SA der nationalsozialistischen Bewegung angeschlossen. Er bringt es bis zum SA-Oberscharführer. 1937 wird er Mitglied der NSDAP und des NS-Kraftfahrkorps. Der Krieg führt ihn an die Ostfront nach Russland, seine Frau, wohnhaft in der Fritz-Reuter-Allee 65, wartet sehnsüchtig auf ein Zeichen ihres Mannes.

Dieser hört die Appelle der NS-Führung im Rundfunk und macht sich Gedanken über den Kriegsverlauf. Seiner Frau schreibt er am 18. Februar 1943 (Auszug):

„Mein geliebtes kleines Frauchen!

Es ist jetzt 23.00 Uhr. Wir haben uns soeben die Rede angehört. Es war ein eindringlicher Appell und ich glaube, daß die höhere Führung gewaltige Anstrengungen machen wird, worüber sich unsere Gegner noch wundern werden. Weißt Du, eines kommt mir etwas seltsam vor, daß wir Charkow so schnell geräumt haben. Ob dies mit Absicht geschehen ist? Wenn man sich die Karte ansieht, dann wächst die Front mit jedem Kilometer, die wir weiter in Rußland eindringen, um ein vielfaches, denn die Grenzen gehen nach Osten ständig auseinander und unsere Fronten würden sich noch weiter verlängern. Dabei kommt es uns in erster Linie darauf an, den Russen zu vernichten und nicht nur Land in Besitz zu nehmen, dessen Schutz uns so viele Menschen kostet. Ich könnte mir vorstellen, daß man den Russen hereinläßt und dadurch einmal unsere Front und auch unseren Nachschub verkürzt. Gelänge es uns z. B. dann, eine Umfassung herzustellen, dann könnten wir gewaltige Massen vernichten und das Land fiele uns doch zu.

Doch dies sind Gedanken eines ganz kleinen Mannes. Etwas wird die höhere Führung bezwecken. Jedenfalls ist es richtig, daß viele Dinge jetzt im Kriege aufhören, die man sonst lieb und gern hat. Wir wollen nur hoffen, daß wir zusammen dann auch den besseren Zeiten nach dem Krieg unser Leben widmen können. Eine Frage möchte ich jedoch noch an Dich richten: Hast Du schon die Gasmasken besorgt?“

Die ukrainische Stadt Charkow ist aufgrund ihrer zentralen Lage beim Vormarsch und beim Rückzug der Deutschen Wehrmacht mehrfach umkämpft. Im August 1943 gelingt es der Roten Armee, die Stadt endgültig zurückzuerobern. Inzwischen tobt die Schlacht von Stalingrad. Die Vernichtung der deutschen 6. Armee Anfang 1943 gilt als militärischer Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs. In der Schlacht verlieren über 700 000 Menschen ihr Leben. Von den rund 110 000 Soldaten der Deutschen Wehrmacht und verbündeter Truppen, die in Gefangenschaft geraten, überleben nur etwa 5 000 den Krieg.

Arnulf Hinz ist einer von ihnen.

 

(Abbildung: Eingangstür Fritz-Reuter-Allee 65, Foto: Barbara Hoffmann)

Weitere Informationen über die genannten Personen stehen im Digitalen Archivsystem DAISY in der Ausstellung Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933 zur Verfügung.

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