„Ich rate Ihnen, verschwinden Sie für ein paar Monate aus Berlin.“

Onkel-Herse 30Nach seiner Entlassung beim Ullstein-Verlag hat es der jüdische Journalist Hans Samson Herz besonders schwer, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Zusammen mit seiner Ehefrau Johanna und ihrem gemeinsamen Sohn Hanns-Peter gibt er seine Wohnung im Hufeisen auf und zieht in die Onkel-Herse-Straße 30 zu Familienangehörigen. In direkter Nachbarschaft zu SS-Angehörigen wie Adolf Eichmann erlebt nicht nur Vater Herz die Ausgrenzung jüdischer Bürger, auch sein Sohn wird von den Spielkameraden in der Siedlung gemieden und als „Judenbengel“ beschimpft.

Das illegale Nachrichtenbüro für die Auslandspresse, das Hans Herz 1935 gemeinsam mit einem Journalistenkollegen im Zeitungsviertel, gegenüberliegend dem Gebäude des Sicherheitsdienstes der SS betreibt, gerät bald ins Visier der Gestapo. Doch sein Nachbar Reinhardt Wiech, SS-Scharführer und Angestellter im SD-Hauptamt, lässt ihm im gemeinsam genutzten Keller eine Warnung zukommen: „Es ist etwas im Busch. Die Gestapo plant etwas. Mir ist bekannt geworden, daß Sie gefährdet sein könnten. Ich rate Ihnen, verschwinden Sie für ein paar Monate aus Berlin.“ Hans Herz flieht daraufhin und findet für einige Monate Unterschlupf bei Verwandten im anhaltinischen Bernburg.

Hans Samson Herz ist einer von zwanzig Juden bzw. jüdischen Familien, die 1935 noch in der Großsiedlung Britz leben, 36 haben sie bereits verlassen. 1935 treten die Nürnberger Rassengesetze in Kraft, die dem Antisemitismus quasi eine juristische Grundlage geben sollen. 1938 spitzt sich die Lebenssituation von Hans Herz durch die Verschärfung der Judenpogrome erneut zu. Die unter nationalsozialistischer Leitung stehende Wohnungsgesellschaft DeGeWo erzwingt den Auszug von Hans Herz aus der gemeinsamen Wohnung, er kommt bei einem befreundeten Paar in Berlin-Mitte unter. Seine Familie kann er von nun an nur noch im Schutz der Dunkelheit besuchen. Es folgen Jahre illegaler Beschäftigungen sowie ständig wechselnde Unterkünfte bei Freunden und Verwandten. Dank seiner Verbindung zu gut informierten Kreisen innerhalb der Bekennenden Kirche entgeht Hans Herz der Verhaftung.

Nach dem Krieg kehrt die Familie in die Hufeisensiedlung zurück. Sein Sohn Hanns-Peter tritt in die Fußstapfen seines Vaters, er wird ebenfalls Journalist und Mitglied der SPD in Britz. Er lebt bis zu seinem Tod am 1. September 2012 in der Hufeisensiedlung.

Herz

 

(Abbildung: Eingangstür Onkel-Herse-Straße 30, Foto: Barbara Hoffmann; Hans Samson und Johanna Herz mit ihrem Sohn Hanns-Peter, 1945; Foto: Privatbesitz Familie Herz)

Weitere Informationen über die genannten Personen stehen im Digitalen Archivsystem DAISY in der Ausstellung Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933 zur Verfügung.

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