Flüchtig!

Fritz-Reuter 75_TDrei Monate wartet Erika Plettl ungeduldig auf eine Nachricht von ihrem Vater, dem Gewerkschafter Martin Plettl. Seit seiner Flucht im Sommer 1933 hat die Familie nichts mehr von ihm gehört. Die Gestapo fahndet nach ihm, verhört immer wieder Ehefrau und Töchter, durchsucht die Wohnung in der Fritz-Reuter-Allee 75. Dann endlich trifft eine Nachricht aus Amsterdam ein: Martin Plettl ist in Freiheit und auf dem Weg nach New York.

Martin Plettl, Vorsitzender des Verbandes der Bekleidungsarbeiter, gehört zu den ersten Gewerkschaftern, die verhaftet werden, nachdem am 2. Mai 1933 in einer landesweiten Aktion Gewerkschaftshäuser von SA und NS-Betriebszellenorganisation (NSBO) besetzt worden sind. Noch an diesem Tag wird er in das SA-Gefängnis Papestraße gebracht und dort mehrere Tage festgehalten. Nach seiner Entlassung gelingt es ihm, mit Hilfe eines holländischen Kollegen, nach Amsterdam auszureisen. Von dort schafft es Plettl dank seiner guten Kontakte, Ende Oktober in die Vereinigten Staaten überzusiedeln und lässt sich in New York nieder. In seinen Vortragsreisen, die der in Amerika nun 

Plettl

prominente Flüchtling – Die Pittsbourgh Press berichtet in einer Dezemberausgabe 1933 über Plettls Flucht – vor nationalen Arbeiterverbänden hält, kritisiert er die Politik der deutschen Regierung und ruft zu einem Boykott deutscher Waren auf. Am 3. November 1934 meldet die internationale Presse die Ausbürgerung Martin Plettls, der gemeinsam mit 27 weiteren Exildeutschen von Innenminister Wilhelm Frick zum Staatsfeind erklärt wird.

Bis Kriegsbeginn baut Plettl auf dem Postweg ein Netz von Vertrauensleuten in der deutschen Bekleidungsindustrieauf. Er motiviert sie zum Schüren von Unzufriedenheit in seinem Heimatland und unterstützt sie mit Hilfe des New Yorker Labor Committees finanziell. Nach 1945 arbeitet er aus dem Exil mit am Wiederaufbau der deutschen Gewerkschaften. Am 10. September 1963 stirbt Martin Plettl in New York.

Ein Teil-Nachlass von Martin Plettl befindet sich im Archiv für soziale Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn. Weitere Informationen zu seinem Nachlass erhalten Sie hier.

 

(Abbildungen: Eingangstür Fritz-Reuter-Allee 75, Foto: Barbara Hoffmann; Martin Plettl, o. O., o. J.; Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand)

Weitere Informationen über die genannten Personen stehen im Digitalen Archivsystem DAISY in der Ausstellung Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933 zur Verfügung.

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