Die Stimme des „Feindes“

Onkel-Herse 6Der Obergerichtsvollzieher am Amtsgericht Neukölln Richard Haupt erscheint, nachdem er aufgrund einer Krankheit aus der Wehrmacht entlassen worden ist, am 10. April 1945 wieder an seinem Arbeitsplatz. Wenige Wochen später, das NS-Regime ist gerade zusammengebrochen, muss er seine Stellung allerdings wieder aufgeben, da seine Mitgliedschaft in der NSDAP und anderer NS-Organisationen festgestellt wird. Ende 1946 wird gegen Haupt vor der Alliierten Kommandantur verhandelt. Die Ermittlungen ergeben, dass er bereits 1939 von der Partei wegen Verweigerung aktiver Tätigkeit ausgeschlossen wird. Anwohner aus den Reihenhäusern in der Onkel-Herse-Straße zeigen sich in ihren Aussagen darüber erstaunt, dass der „ruhige, meist kranke Mensch, der ihnen politisch oder in Parteisachen […] nie aufgefallen ist“, als ehemaliger Parteigenosse vernommen wird.

Zudem stellt sich heraus, dass Richard Haupt bei dem Schneider Gustav Lasogga in der Fritz-Reuter-Allee 71 verbotene „Feindsender“ hört. Bei diesen Treffen packt er außerdem Kleidungsstücke und Lebensmittel ein, die vom Schneider heimlich an Zwangsarbeiter weitergegeben werden. Gemeinsam mit Lasogga und ein paar anderen Männern hört das NSDAP-Mitglied Richard Haupt im Keller der Schneiderei regelmäßig die Meldungen von „Radio Moskau“ oder der Londoner BBC.

Vor allem nach der verlorenen Schlacht von Stalingrad Anfang 1943 ist es den Menschen immer wichtiger, verlässliche Informationen über den Kriegsverlauf zu erhalten. Den optimistischen Berichten des Propagandaministeriums glaubt kaum noch jemand. Deshalb nimmt das Hören von „Feindsendern“ zu, obwohl mit Kriegsbeginn 1939 durch die „Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen“ das Hören ausländischer Sender mit hohen Strafen belegt ist. Die Verbreitung abgehörter Nachrichten kann mit Zuchthausstrafen und sogar mit dem Tod bestraft werden.

Richard Haupt wird 1946 aufgrund seiner NSDAP-Mitgliedschaft als Gerichtsvollzieher entlassen und ist zur Zeit der Verhandlungen als Lagerarbeiter tätig.

 

(Abbildungen: Eingangstür Onkel-Herse-Str. 6, Foto: Barbara Hoffmann)

Weitere Informationen über die genannten Personen stehen im Digitalen Archivsystem DAISY in der Ausstellung Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933 zur Verfügung.

 

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