„Es blieb einem fast das Herz stehen“

Reichenbach_01Von Georges Moustaki hat Regine R. sämtliche Schallplatten gekauft und ist in alle Konzerte gegangen, die er in Berlin gegeben hat. Sie begegnet seiner Musik zum ersten Mal, als sie als junge Frau für einige Monate einen Job im Personalbüro der französischen Kaserne am Kurt-Schumacher-Platz hat. Schnell befreundet sie sich hier mit Arbeitskolleginnen und französischen Soldaten an, die voller Begeisterung Georges Moustaki hören.

„Seitdem bin ich von Georges Moustaki nicht mehr losgekommen. Es sind diese wunderschönen Melodien, die mich immer wieder berühren und die mich an eine verrückte Zeit in meinem Leben erinnern. Mit meinen Freunden habe ich oft Moustaki gehört, wir haben viel gefeiert und hatten großen Spaß miteinander. Das ganze Leben lag noch vor uns. Dann habe ich geheiratet und drei Kinder großgezogen. In schwierigen Lebenssituationen hat mir die Musik von Georges Moustaki immer wieder Kraft gegeben. Wenn dieser Mann die Bühne in seinem weißen Anzug betrat, dann war das Gänsehaut pur! Es blieb einem fast das Herz stehen. Er hatte eine unglaubliche Ausstrahlung und sah umwerfend aus. Zum ersten Mal habe ich ihn 1977 in der Waldbühne gesehen, das letzte Mal vor vier oder fünf Jahren im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Und jetzt wird er nie wieder hier sein und es wird keine neue Platte mehr von ihm geben. Das macht mich traurig.

Meine Liebe zu Frankreich habe ich von meinen Eltern, die sehr frankophil eingestellt waren. Wir haben damals schon viel französische Musik gehört, zum Beispiel Lieder von Françoise Hardy, die ich heute noch liebe. Deshalb wollte ich unbedingt im Land die Sprache lernen. 1970 ging ich für ein Jahr als Au-pair-Mädchen nach Straßburg. Das war eine sehr schöne Zeit. Tagsüber habe ich die Kinder betreut, abends habe ich Französisch studiert. Zurück in Berlin habe ich dann einen Job bei den Franzosen in der Personalabteilung angenommen, wo ich die Musik von Georges Moustaki kennenlernte. Das Wunderbare an seinen Konzerten war, dass man immer wieder den gleichen Leuten begegnet ist, diese Fangemeinde war wie eine große Familie. Leider ist es mir nie gelungen, von Moustaki ein Autogramm zu ergattern, denn er verschwand immer sofort hinter der Bühne, wo man nicht hinkam.

Bis zum Schluss habe ich regelmäßig in der Presse nachgesehen, ob Georges Moustaki noch einmal ein Konzert in Berlin gibt. Ich habe bis zu seinem Tod immer noch darauf gehofft.“

Am 3. Mai wäre Georges Moustaki 80 Jahre alt geworden. Er starb am 23. Mai 2013 in Nizza.

 

Interpret: Georges Moustaki
Titel: Grand-père
Komponist: Georges Moustaki
Album: Moustaki
Veröffentlicht: Polydor, 1971

 

Diese und 49 weitere persönliche Erinnerungen sind in der Ausstellung Mythos Vinyl vom 17. Mai bis 28. Dezember 2014 im Museum Neukölln nachzulesen.

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