„Wir haben tatsächlich geglaubt, man könnte die Welt durch Musik verändern“

Haberland_01WebDie Clique aus zehn Jungen trifft sich regelmäßig nach der Schule an der Ecke Hobrecht- und Sanderstraße. Einer von ihnen bringt einen Kofferplattenspieler mit, die anderen ihre Singles. Da Heinz H. als Belohnung für ein gutes Zeugnis Geld bekommt, kann er sich im Elektrogeschäft am Kottbusser Damm endlich die Single „Paint it, Black“ von den Rolling Stones kaufen. Die Platte wird beim nächsten Treffen in voller Lautstärke abgespielt. Und dann wird gerockt und getanzt, was das Zeug hält – auch ohne Mädchen.

„Der Song rockt richtig los, das war mir immer sehr wichtig. Ganz neu war der Einsatz der indischen Sitar, damals ein ganz neues Instrument in der Beat-Musik. Der Text hat für mich keine Rolle gespielt. Es gibt wohl kaum eine Band, bei der ich mich anfangs so wenig für die Inhalte interessiert habe. Mick Jaggers Stimme wurde ja auch nur als ein weiteres Instrument aufgefasst. Trotzdem wurde den Stones immer eine politische Aussage unterstellt, die es eigentlich gar nicht gab. Aber ihre Musik hat ausgereicht, unseren Wunsch nach Aufbruch und Umbruch, nach radikalen Veränderungen auszudrücken. Seit dem Song „Satisfaction“, der 1965 erschien, haben mich die Rolling Stones nicht mehr losgelassen. Sie waren und sind bis heute meine Lieblingsband. Sie waren auch meine Motivation, Englisch zu studieren, weil ich dann doch irgendwann wissen wollte, was die Jungs da eigentlich singen.

Wir haben damals tatsächlich geglaubt, man könnte die Welt durch Musik verändern, weil wir diese Veränderungen in uns gespürt haben. Wir dachten, auch unsere Alten würden dann so locker drauf sein wie wir selbst. Die Realität sah natürlich ganz anders aus. Als ich 1965 zum Rolling-Stones-Konzert in die Waldbühne wollte, hat meine Mutter kategorisch „Nein“ gesagt. In den Medien wurde das damals wahnsinnig gepusht und anschließend mit dem Finger auf die Jugendlichen gezeigt, die alles kaputt schmeißen würden.

Seit meinem elften Lebensjahr kaufe ich nun schon Schallplatten von den Rolling Stones. Die Sammlung ist inzwischen auf 1 200 LPs angewachsen, sie stammen aus aller Welt. Allein von „Aftermath“ habe ich zwanzig Pressungen, eine aus Israel, eine andere aus Brasilien – das ist wie Briefmarkensammeln.“

20140521_0252WebHeinz H. hat seine Kindheit in Nord-Neukölln verbracht und ist heute Lehrer an einer Neuköllner Schule. Der Sammler ist im Besitz eines Splitters einer Bank, die während des legendären Waldbühnenkonzerts zu Bruch ging. Dieser sowie das Original-Poster der Bravo zur Konzertankündigung befinden sich als Highlight in unserer Ausstellung Mythos Vinyl.

Interview und -bearbeitung: Barbara Hoffmann, Volker Banasiak

Interpreten: The Rolling Stones
Titel: Paint it, Black
Komponisten: Mick Jagger, Keith Richards
Veröffentlicht: Decca, 1966

(Fotos: Friedhelm Hoffmann / Museum Neukölln)

Kommentare

  1. Erhard Neisser schrieb am 28. Juli 2014 um 14:59 Uhr

    Hallo,

    das mit den Stonesplatten ist bei mir genau so. Inzwischen habe ich ca. 1.500 Vinyplatten von den Stones. Singles, Maxi-Singles und LP´s aus 38 Ländern. Es ist wie eine Sucht, aber ein schönes Hobby.

    Ich habe am 12.09.65 die Stones das erste Mal in der Grugahalle in Essen gesehen. Der Tag hat wohl mein Leben verändert.

    Die Ausstellung werde ich im Dezember 14 besuchen.

    Erhard (street fighting man)

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