Wie ein emotionaler Urknall

Schnabel_01Jörg Sch. ist erst vier Jahre alt, als er zum ersten Mal eine Schallplatte von Elivs Presley in der Plattensammlung seiner Eltern entdeckt. Der Song „Don’t Be Cruel“ ist eine Initialzündung für ihn – er begreift zum ersten Mal Musik als Ausdruck von Gefühlen. Von nun an lässt ihn diese Musik nicht mehr los. Mit sieben Jahren kauft er sich die erste Elvis-Presley-Platte von seinem Taschengeld. „I Got Lucky“ wird sein Lieblingslied.


„Für diese Platte habe ich ein paar Monate sparen und auf Süßigkeiten verzichten müssen. Sie hat damals 19,90 Mark gekostet. In der Schallplattenabteilung von Hertie gab es noch keine Möglichkeit, sich die Platten anzuhören und so brauchte ich fast zwei Stunden, um aus siebzig oder achtzig Platten diese eine herauszusuchen. Ich musste mir ja genau überlegen, wie ich mein Geld investiere und so habe ich dieses Album mit vier Platten gekauft. Da kann ich nichts falsch machen, dachte ich. Ich wusste jedoch nicht,, dass hauptsächlich Songs aus den siebziger Jahren drauf waren. Ich war total enttäuscht. Aber ich habe ein paar Lieder gefunden, die mir sehr gefallen haben, wie „I Got Lucky“. Meine Mutter hat mir erklärt, was der Titel bedeutet. Elvis singt an einer Stelle von „Lucky Star“ und auf dem Cover sind Sterne drauf, das fand ich sehr passend. Bei Elvis haben mich immer die Harmonien angesprochen, die direkt ins Herz gingen. Seine Musik war ja für mich wie ein emotionaler Urknall.
Damit fing alles an. Mit fünf Jahren bekam ich meinen ersten Kassettenrecorder und fing an, Musik vom Radio und vom Fernseher aufzunehmen und Mix-Tapes zu machen. Mein Vater hat mir die Bedienung erklärt. Auf meiner ersten Kassette waren alle frühen Elvis-Songs drauf wie „Don’t Be Cruel“ oder „I Want You, I Need You, I Love You“, die sehr beschwingt und emotional sind. Ich habe mir die Bedeutung der Texte zusammengereimt, was dann oft völlig falsch war. In unserem Kinderzimmer hingen etliche Elvis-Poster und ich fing an, alles Mögliche von ihm zu sammeln: Zeitungsartikel, Fotos – jeden Schnipsel. Ich habe mir vorgestellt, dass Elvis Lieder über die wahre Liebe macht und die auch lebt. So ganz falsch war das ja wohl auch nicht. Als ich älter war, wollte ich auch aussehen wie Elvis und habe meine braunen Haare schwarz gefärbt, zwanzig Jahre lang! Er sah auch in seinen Klamotten sehr cool aus. Gerade der Jeansanzug mit den groben Nähten, den er in „Jailhouse Rock“ trägt, hatte es mir angetan. So einen habe ich mir vor sechs Jahren in Thailand gekauft …“

Jörg Sch. lebt in Nord-Neukölln.

Interview und -bearbeitung: Barbara Hoffmann, Volker Banasiak?
Diese und 49 weitere persönliche Erinnerungen sind in der Ausstellung Mythos Vinyl vom 17. Mai bis 28. Dezember 2014 im Museum Neukölln nachzulesen.

 

Interpret: Elvis Presley
Titel: I Got Lucky
Komponisten: Ben Weisman, Dolores Fuller, Fred Wise
Album: The Elvis Presley Collection
Veröffentlicht: Camden Records, o. J.

 

Übrigens: Anfang Juli 1954 – vor 60 Jahren – nimmt Elvis Presley den Song That’s all right, Mama beim Independent Label Sun Records im Memphis (Tennessee) auf. Zwar landet der Song weder in den nationalen noch internationalen Charts, jedoch ist er der Beginn von Presleys unvergleichlicher Rock ’n‘ Roll Karriere.

(Foto: Friedhelm Hoffmann / Museum Neukölln)

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