Mein Neukölln

_MG_1909Am 9. Oktober 2014, dem Tag, an dem vor 25 Jahren zum ersten Mal über 70 000 Menschen in Leipzig friedlich demonstrierten, ohne dass der SED- Staat Gewalt anwendete, trat der Bürgerrechtler Stephan Krawczyk im Rahmen einer Konzertlesung in der Sonderausstellung des Museums Neukölln „Mythos Vinyl“ auf .

Dieser Rahmen passte sehr gut zu seiner 2011 erschienenen Erzählung „Mein bester Freund wohnt auf der anderen Seite“, aus der er Teile vortrug. Der Protagonist dieser Erzählung ist Simon aus Westberlin, der bei einem Klassenausflug nach Ostberlin auf dem Fernsehturm den Ostberliner Ronald kennenlernt. Dieser teilt seine Leidenschaft für ACDC und die beiden freunden sich an. Ronald schreibt Simon einen Brief ohne Absender, der besagt, Simon solle ihn in Ostberlin besuchen. Simon überzeugt seine Eltern zu einem Wochenendausflug in den Osten und trifft Ronald wieder. Erst dann beginnt Simon zu verstehen, warum Ronald dieses Treffen so übervorsichtig geplant hat. Er hat einen Vater, welcher Genosse und Mitarbeiter des Ostberliner Magistrats ist. (Diesen hat Krawczyk in einen Songtext verewigt.) Ronald sind Westkontakte verboten. Und tatsächlich bleibt dieses Treffen nicht unbeobachtet. Im Spätsommer 1989 treffen sich Simon und Ronald wieder.

Stephan Krawczyk erzählte und sang über sein Leben in der DDR, darüber, wie er von einem angesehen Künstler zu einem verfolgten wurde, der 1988 als Regimekritiker ausgebürgert wurde.

Aber er erzählte auch von seinem heutigen Leben in Neukölln. Er trug auch seinen eigens für den Auftritt im Museum komponierten Neukölln- Song vor. Dieser Ohrwurm ging vielen Gäste nicht mehr aus dem Kopf. Den Text dazu finden Sie unten.

Sina, Anton, Luis, Gagan, Enya, Ebru, Erik, Muhammed, Moe, Aurelia, Carla und Francesco aus der Klasse 10a des Albert- Einstein- Gymnasiums

 

Stephan Krawczyk über seinen Song:
In Neukölln sind die Tage länger, die Sommer wärmer, der Herbst so golden wie vielleicht nur in Kanada, die Menschen sind freundlich, die Hunde lieb, die Häuser strahlen im Glanz ihrer guten Laune (weil Neukölln so schön erdbebensicher ist J). Neukölln hat alles: blühende Landschaften, neugierige Touristinnen mit bunten Tüchern und Keschern für den Neuköllner Nachtfalter, der nur in Neukölln zu finden ist. Sollen sie ihn fangen, wir haben genug, hier ist nichts vom Aussterben bedroht. Das Einzige, was Neukölln gefehlt hat, war ein Lied. Damit ist jetzt Schluss!


Mein Neukölln

Die Welt spielt doof, die Hunde böll’n, ick liebe mein Neukölln.

Einem Herrn aus Pakistan fällt ‘ne Rose runter
dieses sieht natürlich ein vorbeischlendernden Inder
der bückt sich sehr zuvorkommend, die guten Mächte walten.
„Dafür“, spricht der Pakistani, „darfst du sie behalten.“

Die Welt spielt doof, die Hunde böll’n, ick liebe mein Neukölln.

Menschen aus Kroatien speisen bei dem Serben
Spanier lassen sich vom Basken ihre Haare färben
In Neukölln da ist es so, als wäre nichts gewesen
neulich sah man sogar fünf Tibeter beim Chinesen

Die Welt spielt doof, die Hunde böll’n, ick liebe mein Neukölln.

Hier kann der Hutu Tutsi sein, der Korse ein Franzose
sie gehen zum selben Schneider mit der aufgeriss’nen Hose
zum Polen aus Usbekistan mit baltischen Gesellen
die sich jeden Abend auf ‘nen Perserteppich stellen.

Die Welt spielt doof, die Hunde böll’n, ick liebe mein Neukölln.

Neukölln, meine Wahlheimat,
wo der Türke mit dem Kurden Hand in Hand geht
anderswo gibt’s auf die Hüte, in Neukölln, du meine Güte,
in Neukölln, du meine Güte, in Neukölln, du meine Güte…

Die Welt spielt doof, die Hunde böll’n, ick liebe mein Neukölln.

Stephan Krawczyk, Foto: privat

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