„Irgendwie hört man die Musik weg.“

JethroTullIn den siebziger Jahren ist diese Schallplatte immer wieder auf Feten in Neukölln zu hören. Hartmut B. und seine Clique begeistern sich neben Deep Purple, Queen und Santana für Jethro Tull, weil diese mit ihrer Querflöte einen ganz ungewöhnlichen Sound schaffen. Hartmut organisiert mit seinen Freunden Partys. Sie tragen Lederjacken, besuchen Rock-Konzerte und kultivieren einen regen Austausch von Musik.
„Ein richtiges Lieblingslied habe ich bei den vielen Platten, die ich besitze, nicht. Ich habe überlegt, was wir damals oft gehört haben und warum wir das taten. Jethro Tull waren diejenigen, die über die Grenzen gingen, wo sich Klassik und Rock mischen. Das hat mich damals schon immer gereizt. Jethro Tull setzte eine Querflöte ein und das war damals vollkommen ungewöhnlich. Wer käme auf die Idee, so eine Musik mit einer Querflöte zu verbinden?
Bei „Locomotive Breath“ gefallen mir der Aufbau und der Rhythmus, es war das Cover-Lied für „Aqualung“. Das war das erste Konzeptalbum von Jethro Tull, keine Sammlung einzelner Lieder querbeet, sondern mit einer Klammer versehen. Damals war es ja schick, Konzeptalben zu machen. Mich hat auch das Cover angesprochen, weil es anders war als die ganzen grellen, bunten Cover, die es damals gab. Und wie der Sänger Ian Anderson immer da stand auf einem Bein und so richtig wreckig aussah! Es war ja die Zeit, als der Glam Rock aufkam. Die hatten super Outfits und er stand da mit seinen ollen Klamotten und mit diesem Käppchen. Ein bisschen mittelalterlich, aber trotzdem ging es gut voran.
Man darf Platten nicht zu oft hören, weil immer ein mechanischer Abrieb da ist. Aber das ist ja auch das Witzige, weil sich die Platte mit jedem Mal Abspielen verändert. Irgendwie hört man die Musik weg. Außerdem zwingen Schallplatten einem dazu, Ruhe zu haben. Man hat keine Fernbedienung, kann nicht einfach rüber springen, sondern man sitzt da und hört sich eine ganze Seite in Ruhe an. Entschleunigung des Lebens. Ist doch gar nicht so schlecht.“

Hartmut B. wuchs in der Gropiusstadt auf, in den siebziger Jahren zogen seine Eltern mit ihm ins Blumenviertel, wo er heute noch lebt.

Interview und -bearbeitung: Anke Schnabel

Diese und 49 weitere persönliche Erinnerungen sind noch bis 28. Dezember 2014 in der Ausstellung Mythos Vinyl im Museum Neukölln nachzulesen.

Interpreten: Jethro Tull
Titel: Locomotive Breath
Komponist: Ian Anderson
Album: Aqualung
Veröffentlicht: Chrysalis Records, 1971

(Foto: Friedhelm Hoffmann / Museum Neukölln)

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