Es erfreut die Kunst, die Seele und das Auge

Die Neuköllner Landschaften von Milena Aguilar begeisterten viele Besucher, die zur Eröffnung der Ausstellung „Brücke über stillem Wasser“ am 23. Januar gekommen waren. Für alle, die nicht dabei sein konnten, oder die, die Texte der Reden von Thomas Kapielski und Dr. Udo Gößwald nochmals nachlesen möchten, hier einige Auszüge:

Es hat etwas durchaus klug gegenstrebiges, unzeitgemäßes und nicht rückwärtsgewandtes, wenn man, wie Milena Aguilar Landschaft, ja Idyll malt und als Vorbild Maler wie Camille Corot oder Pissarro nennt.

In der Kunst waltet ja als Last, als Ballast der Avantgarde sozusagen, der Druck des Aktuellen, der neuesten Moden; das gerade Angesagte ist das Wichtigste, und darüber hallt das Geschrei der Konkurrenz und Reklame. Einträgliche Kunst ist eine hochexklusive Angelegenheit, weil die Zahl der Berühmtheiten und Erfolgreichen ein gewisses Maß nicht überschreiten kann. (In Deutschland mag es etwa 50 davon geben.) Die Massen an Kunstschulabsolventen und Kunstbeflissenen stürmen also voll besetzte und gut befestigte Bastionen. Darum auch so viel Eifer, soviel Aufsehen-machen und Großformat und Nacktperformance oder politisches Gesinnungstum bei den Nachrückenden, bei den Aufstrebenden. – Eitles, eiferndes Bemühen.

Sich dem zu widersetzen ist wenig erfolgversprechend – aber gleichwohl das Beste, das Klügste. Da setzt man sich besser in die Natur und malt beharrlich Landschaft auf hierzu geeigneten Formaten. (Was übrigens keine schlechte Performance ist; die Erlebnisse bei der „Freilichtmalerei“, sollen, wie ich höre, mitunter ziemlich abenteuerlich sein. Insofern birgt jedes der Landschaftsbilder eine eigentümliche Geschichte seiner Entstehung.)

Dieses Freilichtmalen Milena Aguilars ist allerdings kein „Impressionismus“ oder „Neo-Impressionismus“, gleichwohl Resultat von Impressionen im Sinne optischer Eindrücke. Und das ist auch nicht naiv oder überkommen, nein, in meinen Augen ist das so etwas wie die leichtere Fassung einer Maxime Hans Imhoffs, der für den vollkommenen Stil „steilste Modernität bei strengster Archaik“ aufruft. Dieser Bogen ist hier allerdings zu stark gespannt!

Auf Milena Aguilars Landschaften sieht man eher eine Komposition aus luftigem Himmel über heiterem Grund. Es waltet in ihren Landschaftsbildern die Seelenruhe der Imitatio und ein tiefes Vertrauen in den Augenschein. Die Landschaften liegen gleichmütig da, mit Einfühlung gemalt, aber beinahe kalt, unnahbar. Überdies sind Blatt, Baum, Wald, Weg, Gebäude ohnehin stumm und – einfach nur da. Gemalt haben diese Dinge die Anmut und Gelassenheit des Einfachen, und darunter, dahinter ist nichts als die Leichtigkeit und Tragfähigkeit der Oberfläche, welche ja nichts als Leinwand und Malgrund ist.

Solch ein Tun und Schaffen widersetzt sich dem Tiefsinn – und auch dem Trübsinn!

Es erfreut die Kunst Milena Aguilars Seele und Auge.

Thomas Kapielski
Freier Autor und Publizist


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(links: Thomas Kapielski bei seiner Eröffnungsrede; rechts: Dr. Franziska Giffey im Gespräch mit Dr. Udo Gößwald und Milena Aguilar, Fotos: Patrick Helber)

Landschaft ist das untrügliche optische Signal, das uns aus den Bildern von Milena Aguilar entgegenscheint. Walter Benjamin sprach vom Weichbild der Stadt, von jenem Grenzbereich wo Stadt und Natur einander berühren und eine Zwischenwelt der Erfahrung entsteht. In der Landschaft, so Benjamin, vollzieht sich eine „Auferstehung des Ich“. Wo eben bloß äußere Natur war, wird sie jetzt Landschaft des Ich. Allerdings steht das isolierte „Ich“, sobald es sich dem „Gegenstand“ Landschaft nähert, vor einem Deutungsdilemma. Es wird nämlich mit der Angst konfrontiert, dass der von ihm entworfene Sinn vielleicht nicht relevant sei und einer „objektiven“ Deutung nicht standhalten könne. In dieser Erfahrung der Ungewissheit sieht Ernesto Grassi in seiner Schrift „Die Macht der Phantasie“ eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass der Einzelne zum „Mensch“ werde. Für Grassi ist die Fähigkeit durch die Einbildungskraft Metaphern und Bilder zu erzeugen die wesentliche Grundlage für das Entstehen einer menschlichen Welt.

Milena Aguilars Bilder lassen uns tatsächlich teilhaben an einer Erkundung von Orten, die sich gewöhnlich dem Blick entziehen. Mit einem fast klassischen Humboldtschen Entdeckergeist, unterzieht sie den städtischen Grenzraum einer Autopsie und stößt dabei auf Brückenruinen, Lagerhallen, Campingwagen und unfertige Flughafengebäude. Es ist diese naive Freude an der Spurensuche, die uns eintauchen läßt in eine Stadtlandschaft, die wir spielerisch durchstöbern. Milena Aguilars Bilder geben uns das Gefühl einer grenzenlosen Freiheit, die unverhofft aus dem Paradies unserer Kindertage emporleuchtet.

Es gelingt ihren Bildern in herausragender Weise, unsere innersten Gefühle anzusprechen. Die Zeit steht in Milena Aguilars Bildern für einen Moment still. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begegnen sich und können eine Brücke zum inneren Ich des Betrachters bilden.

Dr. Udo Gößwald
Leiter des Museums Neukölln

 

Die Ausstellung ist noch bis 12. April 2015 im Museum Neukölln zu sehen. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der über unseren Shop zu beziehen ist.

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