Was naht sich uns, Freunde oder Feinde, Eroberer, oder Befreier?

Der Schneider Hugo B. schreibt am Donnerstag, den 26. April 1945 in sein Tagebuch:

Bald danach krachten in Abständen von einer Sekunde sechs Schüsse durch Flur und Hof. Es ist anzunehmen, daß es sich hierbei um Schreckschüsse aus einer Revolverkanone handelte, denn der bekannte Ton und ebenso der Umstand, daß man keine Einschläge hörte, lassen keinen anderen Schluß zu. Augenblicke höchster Spannung verursachten atemlose Stille. Jeder ahnte, spürte, daß nun bald etwas Großes, Erschütterndes geschehen werde; unklar in unseren Empfindungen über die Eigenschaften des nahen Ereignisses, lauschten wir mit gespannten Sinnen auf das Treiben über uns. Als harte Stöße von Gewehrkolben jene oft beschriebene Töne hervor riefen, zuckten wir jäh zusammen und verharrten gebannt auf unseren Sitzen. Keiner wagte sich zu erheben und dem einlaßbegehrenden „Feind“ zu öffnen. Erst als Schüsse an den Türen krachten, ging jemand die Treppe hinauf, um dem Ablauf der Geschehnisse Raum zu geben. Was naht sich uns, Freunde oder Feinde, Eroberer, oder Befreier? Diese oder ähnliche Gedanken mögen manchen von uns mit Bangigkeit erfüllt haben. Besonders wohl aber den unter uns befindlichen „Nazis“, welche unentwegt auf den Sieg unserer „glorreichen“ Armeen hofften.

(aus den Tagebüchern des Neuköllner Schneiders Hugo B.. (1. Januar 1941 bis 14. Mai 1945, S. 106, unveröffentliches Manuskript, Museum Neukölln)

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