Das Haus der Mutter – Rede zur Eröffnung

Häuser begleiten uns unser ganzes Leben. Jeder bewohnte Raum trägt in sich die Wesenszüge des Hausbegriffs. In ihnen begegnen wir den Dingen als den stummen Zeugen unseres Daseins. Die Dinge im Haus sind wie „die Sterne unseres Lebens“ (Maurice Merleau-Ponty) Das Haus ist im umfassendsten Sinn des Wortes für uns wie ein Kosmos. Das Gedächtnis und die Einbildungskraft begegnen sich an diesem Ort auf sonderbare Weise. Sie durchdringen einander und führen zu einer intensiven Erfahrung von Zeit und Vergänglichkeit. Insbesondere, wenn wir uns auf die Begegnung mit dem Elternhaus einlassen, begeben wir uns auf eine abenteuerliche Reise in die Kindheit. Wir begegnen Dingen, die in uns Glücksgefühle ausgelöst haben, Dingen, die uns die höchsten Momente der Freude beschert haben, aber auch Dingen, die mit Ängsten und Trauer verbunden sind. Oft entsteht dadurch eine große Verwirrung, vor der wir allzu gerne fliehen würden. Und doch ist gerade diese Verwirrung sehr menschlich und eigentlich ein unumgänglicher Teil unseres Selbst. Schließlich haben wir nicht gleich eine Antwort oder ein Etikett für das was uns bei dieser Begegnung widerfährt.

Auf eine solche Reise ins Ungewisse nimmt uns die Künstlerin Dorothea Koch in dieser Ausstellung mit. Sie hat sich mit den verborgenen Schätzen im Haus ihrer verstorbenen Mutter im Britzer Haselsteig über viele Monate hinweg auseinandergesetzt. Mit Stoffarbeiten, die die Räume abbilden, einer sorgfältigen Auswahl von Dokumenten zur Baugeschichte, protokollierten Erinnerungen von Verwandten, einer Muttervitrine, eine Vatervitrine und einer grafischen sowie zeichnerischen Komposition, die diverse Spuren aus der Geschichte des Hauses zusammenführen, sucht sie nach Ausdrucksformen für das Unsagbare, das dem Haus anhaftet. Mit der Kamera hat sie Szenen im Haus festgehalten: kleine poetische Stillleben komponiert, die wie Traumsequenzen wirken; sie streichelt die Dinge, die Tapeten, die Ausbuchtungen und Rundungen der Innenarchitektur; sie zieht die Kleider der Mutter an und füttert die Enten im Britzer Dorfteich wie es ihre Mutter einst gerne tat.

Dieses mimetische Vermögen zeichnet die Kunst aus. Sie ermöglicht uns, sich in andere Menschen oder andere Orte hineinzuversetzen und ein Paralleluniversum zu entdecken. Und doch merken wir plötzlich, dass diese andere Welt der unseren gar nicht so fern ist und, dass sie uns sogar vertraut vorkommen kann. Es ist diese Brücke zum Leben, die für mich auschlaggebend war, um diese Arbeit von Dorothea Koch hier im Museum Neukölln zu präsentieren. Es gelingt ihr das, was Kunst so wertvoll macht: sie öffnet uns den Weg zur Reflexion über unsere eigenen Erfahrungen und Empfindungen. Gerade im Zusammenhang mit Trennung, Verlust und Abschied fehlt uns oft die Sprache, um das Gefühlte auszudrücken. Der museale Raum und diese Inszenierung kann dafür ein idealer Übungsraum sein.

63-IMG_2537Das Haus und die Dinge, die sich in ihm befinden, bewahren die eigenen Erinnerungen und die Erinnerungen an die, die nicht mehr leben. Das Interieur des Hauses wird zum „Museum der Seele“ (Mario Praz), in dem wir uns selbst begegnen. Seine Bewohner und Bewohnerinnen sind das Bindeglied zwischen den Toten und den Noch-Nicht-Geborenen. Insofern enthält das Haus, so der amerikanische Kulturanthropologe Robert Harrison, auch ein Zukunftspotential. Es ist einerseits der innere Ort der Rückbesinnung und des Überdauerns. Andererseits ist es der Ort für die Entbindung der Zukunft. Es ist der Ort, an dem sich die Dinge zur Zukunft hin öffnen. Das Haus ist der symbolische Ort der Erfahrung einer Ganzheit des Lebens, von der Geburt bis zum Tod. Er vermittelt das Unheimliche und Beängstigende, Momente des Glücks in der Kindheit und Jugend und ist zugleich das Gehäuse dem wir entwachsen und damit der Ort der Ablösung und der Suche nach dem Eigenen.

So werden die Dinge, die uns im Haus umgeben, zu Zeugen eines Reifungs-prozesses, der uns die Tür zur Welt öffnet und gleichzeitig die Erbschaft der Dinge bewahrt.

 

Die Ausstellung ist vom 23. Januar bis zum 10. April 2016 im Museum Neukölln zu sehen.

Begleitend zur Ausstellung finden Veranstaltungen mit Führungen im Haus sowie Gesprächsrunden statt.

(Fotos: Patrick Helber / Museum Neukölln)

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