Die Magie des Lesens – Rede von Museumsleiter Dr. Udo Gößwald zur Ausstellungseröffnung

Was geschieht, wenn ein Buch uns besonders berührt? Warum faszinieren uns manche Bücher mehr als andere? Welche sonderbare Verbindung zwischen der Welt des Autors und der Welt des Lesers entsteht, wenn wir in einen Text – wie es so schön heißt – eintauchen? Wenn wir ein besonderes Leseerlebnis haben, fühlen wir uns leicht und unbeschwert wie ein Fisch im Wasser, bereit, neue Welten in allen Himmelsrichtungen zu erkunden. Und es gibt sicher viele Beschreibungen für diesen Zustand der Ekstase, wenn ein Buch seine Magie entfaltet und uns mitnimmt auf eine „Reise auf dem Zauberteppich in das Zelt der Mohikaner“ wie es bei Walter Benjamin heißt. Eins ist dabei aber klar. Wir müssen die Bereitschaft und Fähigkeit besitzen, uns für diese neuen Erfahrungen zu öffnen und das insbesondere dem Fremden, Unerwarteten gegenüber. Bücher vermitteln Wissen und neue Erkenntnisse, aber dieses Wissen und diese Erkenntnisse verbleiben an der Oberfläche, sind bloße Aneignung von Ressourcen, wenn wir sie nicht mit uns in eine lebendige Verbindung bringen. „Im Verstehen muss ich mich selbst zum Einsatz bringen, soll der Gegenstand, um den es geht, zum Reden gebracht werden,“ so der Philosoph Helmuth Plessner.

Bücher und die mit ihnen gemachten Leseerfahrungen sind das Thema dieser  Ausstellung. Dafür haben 24 Neuköllnerinnen und Neuköllner über ihre Lieblingsbücher erzählt und dem Museum insgesamt 90 Bücher als Leihgaben zur Verfügung gestellt. Die Gesprächspartner und -partnerinnen reflektieren ihre biografischen Erfahrungen im Kontext der gelesenen Bücher und lassen uns teilhaben an den Inspirationen, die sie durch die Bücher erhalten haben. Das Spektrum der hier ausgestellten Bücher ermöglicht einen höchst interessanten Einblick in die Vielfalt der Lesekultur der Neuköllner Bevölkerung. Um die ausgestellten Bücher zum Sprechen zu bringen, wurden eigens für die Ausstellung aus dem Interviewmaterial Hörstücke entwickelt. Sie haben also wieder die Möglichkeit, sich mit einem iPad durch den Raum zu bewegen und können mit Blick auf die Bücher von den Leihgebern erfahren, warum die ausgewählten Bücher für sie eine besondere Bedeutung haben.

 

Dr. Udo Gößwald, Foto: J. Rasch

Welches sind die thematischen Felder, durch die sich die Leserinnen und Leser in einem Buch besonders angesprochen gefühlt haben? Dazu gehören, um nur einige Beispiele zu nennen, die im Buch präsente Reflexion über die Heimatstadt oder -region, die Erfahrung, in dem Handlungsort und der Erzählung des Buches einer fremden, aber zugleich faszinierenden Welt zu begegnen, die literarische Spiegelung von Gefühlen, die meistens die  Sehnsucht oder das mögliche Versprechen seiner Erfüllung beinhalten, die Erkenntnis mit und durch das Buch, eine Art Handlungsanleitung für das eigene Leben zu bekommen oder in dem Buch Aussagen und Thesen zu finden, die der eigenen Weltanschauung oder der politischen Überzeugung entsprechen.

Allgemein lässt sich sagen, dass es oft zwischen den Lieblingsbüchern und ihren Leserinnen und Lesern eine  Korrespondenz zwischen dem Tenor des Buches und den Einstellungen zum Leben bei den Lesenden gibt. Insofern können wir an der Auseinandersetzung der Lesenden mit ihren Lieblingsbüchern teilhaben und Dinge erfahren, die  vielleicht sonst nicht zur Sprache gekommen wären, obwohl sie für die betreffenden Personen von großer Bedeutung sind. Und ich meine, dass diese Bedeutung nicht nur privat ist, sondern sie haben auch eine allgemeine kulturelle Bedeutung, weil in ihnen Haltungen zum Ausdruck gebracht werden, die für die Öffentlichkeit, das heißt für Sie, meine Damen und Herren, von einer gewissen Relevanz sein können. Doch was Sie anspricht, das bleibt ihnen natürlich selbst überlassen, denn wie es Artur Schopenhauer formuliert hat: „Zu Papier gebrachte Gedanken sind nichts weiter als  die Spur eines Fußgängers im Sande: man sieht wohl den Weg, welchen er genommen hat; aber um zu wissen, was er auf dem Weg gesehen hat, muss man seine eigenen Augen gebrauchen.“

Foto: A. Simon

Foto: A. Simon

Die blaue Blume, die nun alle Mitwirkenden als Dank in den Händen halten, ist natürlich eine Referenz an die Romantik, an Adalbert von Chamisso, Joseph von Eichendorff und Novalis. Sie steht für die Versöhnung von Mensch und Natur, vor allem die Sehnsucht nach Liebe und verkörpert „das Streben nach der Erkenntnis des Selbst“. Sie erinnert aber natürlich auch an die öffentlichen Kontroversen um Literatur und zum Beispiel daran, dass Aktivistinnen und Aktivisten der Studenten-bewegung 1968 die Parole prägten: „Schlagt die Germanistik tot, färbt die blaue Blume rot“. Ja, Literatur ist Zündstoff und ich erinnere an dieser Stelle an die verfolgten und inhaftierten Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie den chinesischen Literaturnobelpreisträger Liu Xiabo, den indischen Autor Salman Rushdie und den saudischen Blogger Raif Badawi. Der türkisch-armenische Journalist Hrant Dink wurde 2007 in Istanbul auf offener Straße ermordet. Sein posthum erschienenes Buch „Von der Saat der Worte“ befindet sich in dieser Ausstellung. Es ist eines der Lieblingsbücher von Tülay, die in dem folgenden Hörstück ihr Verhältnis zur Literatur zum Ausdruck bringt.

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