#5 Schlummernde Reize

Die Studentin Elza entdeckt auf ihren Spaziergängen durch Neukölln häufig Bücher auf der Straße. Sie zu ignorieren, würde sie nicht übers Herz bringen. Vor allem nicht, wenn ihr Cover so pink ist wie bei der Ausgabe von „Ansichten eines Clowns“ von Heinrich Böll. Im Herbst 2011 fand sie das herrenlose Buch in der Richardstraße. „Es hat mich angeschrien, dieses Pink.“ Seither verbindet die beiden eine ganz persönliche Beziehung.

Immer wieder zieht sie das Buch aus dem Regal, um ein paar Zeilen darin zu lesen und sich daran zu erfreuen. Ihre Lieblingsabschnitte hat sie mit Büroklammern und kleinen Knicken versehen. Der besondere Reiz des Buches liegt für sie in der Beschreibung der ehemaligen Hauptstadt Bonn, die sie selbst gut kennt. Das sogenannte Bonner Loch, einen Ort am Bahnhofsvorplatz, der auch im Roman auftaucht und „an dem es seltsam riecht und komische Gestalten rumlungern“ ist für Elza gewissermaßen das Symbol für den konservativen „Katholizismus und die Nicht-Behandlung des Nationalsozialismus in der Nachkriegsgesellschaft.“

Für Elza war der Zufallsfund eine literarische Offenbarung: eine Heimreise und ein Beziehungsratgeber mit jeder Menge Tiefsinn.

(Foto: Friedhelm Hoffmann / Museum Neukölln)

Das Hörstück ist Teil der Ausstellung Die Magie des Lesens, die vom 13. Mai bis 30.Dezember 2016 im Museum Neukölln läuft.

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