#9 Unterwegs zu versunkenen Welten

Während ihrer Kindheit in Österreich las Christa am liebsten die Abenteuer von Pucki. In dem zwölfbändigen Bildungsroman, der erstmals zwischen 1935 und 1941 erschien, erzählt Magda Trott die Lebensgeschichte eines blonden deutschen Mädchens, das gut behütet aufwächst, um schließlich den Sohn des Oberförsters zu heiraten und Mutter zahlreicher Kinder zu werden. „Ich wusste damals natürlich nicht, dass das eine erfolgreiche Reihe aus der Nazizeit ist in der die Ideologie auch stark spürbar ist“, sagt Christa heute. Gefallen habe ihr damals die heile Welt der Pucki, in der auch ihre Zukunft klar vorgezeichnet war – ein Szenario, das, wie sie betont, in krassem Widerspruch zur Alltagsrealität jener Menschen stand, die nicht ins nationalsozialistische Weltbild passten.
Eher abseits gewohnter Bahnen bewegte sich der Protagonist eines ihrer weiteren Lieblingsbücher: Der kleine Prinz reist im gleichnamigen Roman von Antoine de Saint-Exupéry durch das Weltall. In der zehnten Klasse las Christa das Buch erstmals auf Französisch. Später dann schrieb sie über seinen Autor sogar ihre Magisterarbeit an der Universität.
Neben den Weiten des Weltalls ist Christa auch von den Weiten Russlands fasziniert. Die fand sie in Lew Tolstois Krieg und Frieden beschrieben, einem dicken Wälzer, den sie zuletzt im Urlaub auf Kreta gelesen hat. Nachdem sie 1973 nach Westberlin gezogen war, führte sie auch Theodor Fontane in ein vergangenes Reich: nicht ins russische Zarenreich, sondern ins adlige Preußen des 19. Jahrhunderts. Auf ihren Ausflügen in den Osten versuchte sie, die Schauplätze von Die Poggenpuhls aufzufinden. Lesen, das ist für Christa nicht zuletzt eine Reise in versunkene Welten.

 

Christas Shortlist:

Magda Trott, Pucki und ihre Freunde, Stuttgart 1949.
Lew Tolstoi, Krieg und Frieden, Frankfurt am Main / Leipzig 1982.
Antoine de Saint-Exupéry, Le Petit Prince (Der kleine Prinz), Paris 1984.
Theodor Fontane, Die Poggenpuhls, Frankfurt am Main / Berlin 1976.
Joseph Roth, Radetzkymarsch, Köln 1994.

 

(Fotos: Friedhelm Hoffmann / Museum Neukölln)

Das Hörstück ist Teil der Ausstellung Die Magie des Lesens, die vom 13. Mai bis 30.Dezember 2016 im Museum Neukölln läuft.

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