#11 Integer bleiben

Erich Kästners Buch Drei Männer im Schnee hat Sabine nicht nur ausgewählt, weil es unterhaltsam ist, sondern auch wegen der enthaltenen Botschaft. Der Roman handelt vom Millionär Tobler, der mit seinem Diener Johann zusammen in ein erstklassiges Hotel in den Alpen reist und sich dort „als armer Teufel“ ausgibt, der bei einem Preisausschreiben gewonnen habe. Doch seine Tochter, besorgt über sein Wohlergehen, unterrichtet die Hotelleitung im Voraus über seine wahre Identität. Das Personal allerdings verwechselt Tobler mit dem zeitgleich angekommenen Fritz Hagedorn, der den Aufenthalt tatsächlich einem Preisausschreiben zu verdanken hat. Eigentlich aus ärmlichen Verhältnissen stammend, wird Hagedorn nun servil umschmeichelt, während sich der getarnte Millionär im ärmlichsten Quartier des Hotels wiederfindet, respektlos behandelt und letztendlich herausgeekelt wird.

„Beurteile ein Buch nicht nach seinem Umschlag.“ So ließe sich die Botschaft zusammenfassen, die Sabine aus der Verwechslungsgeschichte herausliest. Gerade seine äußere Gestaltung jedoch zog Sabines Aufmerksamkeit auf sich, als sie das Buch, des Lesens noch nicht mächtig, in der gläsernen Vitrine ihrer Tante erblickte. Jahre später erst durfte sie es sich ausleihen und letztlich auch behalten.

Ungleich schwerer als Erich Kästner, der Drei Männer im Schnee 1934 nur unter einem Pseudonym veröffentlichen konnte, wurde der (jüdische) Autor von Sabines zweiten Lieblingsbuchs von der Herrschaft der Nationalsozialisten getroffen. In Zwei Leben in Deutschland stellt Hans Rosenthal dar, wie seine Familie nach 1933 Opfer des wachsenden Antisemitismus in Berlin wurde. Während er selbst sich, nachdem er Zwangsarbeit hatte leisten müssen, in einer Kleingartensiedlung in Lichtenberg verstecken konnte, wurde sein Bruder deportiert und im Vernichtungslager Majdanek ermordet. Nach der Befreiung durch die Alliierten begann für Rosenthal ein zweites Leben. Dass er trotz seiner Erfahrungen jene Deutschen, die ihm beinahe ermordet hatten, als Showmaster in Fernsehen und Radio zu unterhalten wusste, sieht Sabine als bewundernswerten Beweis persönlicher Integrität.

 

Sabines Shortlist:
Erich Kästner, Drei Männer im Schnee, Zürich 1957.
Hans Rosenthal, Zwei Leben in Deutschland, Bergisch Gladbach 1980.

 

(Fotos: Friedhelm Hoffmann / Museum Neukölln)

Das Hörstück ist Teil der Ausstellung Die Magie des Lesens, die vom 13. Mai bis 30.Dezember 2016 im Museum Neukölln läuft.

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