Von der Freiheit des Wortes

Eröffnungsrede von Dr. Udo Gößwald anlässlich der Veranstaltung „Writers in Prison“ im Museum Neukölln, 10. Dezember 2016

Meine Damen und Herren,

heute vor 68 Jahren, am 10. Dezember 1948, wurde die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von den Vereinten Nationen beschlossen. Seitdem wird in jedem Jahr der Internationale Tag der Menschenrechte begangen. Das Museum Neukölln möchte an diesem Tag an alle politischen Gefangenen, erinnern, die sich bedingungslos für die Freiheit engagieren. Und wir möchten mit dieser Veranstaltung daran erinnern, dass Freiheit die Grundbedingung der Demokratie ist. Wer sie einschränkt, gefährdet die Demokratie. Wer sich für die Freiheit einsetzt, schafft die Voraussetzung für die Überwindung autoritärer Systeme und unterstützt die weltweite Demokratiebewegung.

1939 hat Thomas Mann eine Rede für den 17. Internationalen PEN-Kongress in Stockholm mit dem Titel „Über das Problem der Freiheit“ geschrieben. Wegen des Kriegsausbruchs im September 1939 hat er diese Rede nicht mehr halten können. Wer sie heute liest, findet darin einen flammenden Appell für die Verteidigung der Demokratie und Thomas Mann führt dort aus: „Die gerechte und vernünftige Betonung des individuellen und des sozialen Elementes im Menschlichen, die Einschränkung des Politischen und (des) Sozialen auf seinen natürlichen und notwendigen Anteil an Humanität, Kultur und Leben – das ist Freiheit.“ (1) Unter den Autorinnen und Autoren, die von Neuköllner Bürgern für unsere aktuelle Ausstellung „Die Magie des Lesens“, ausgewählt wurden, sind eine ganze Reihe, die sich intensiv für die Freiheit und die Demokratie engagiert haben: Heinrich Heine, Johann Wolfgang von Goethe, Fjodor Dostojewski, Erich Kästner, Antoine de St. Exupery, Orhan Veli, Sabahattin Ali, Heinrich Böll, Jack Kerouc, Maria Vargas Llosa, Susan Sontag, Christa Wolf, Hrant Dink, um nur einige zu nennen. Aus einer ganz persönlichen Perspektive, so haben wir in diesem Projekt erfahren, sind unsere Leihgeberinnen und Leihgeber durch diese Autorinnen und Autoren angeregt, inspiriert und im Innersten gestärkt worden, das zu tun, was Ihnen wichtig ist. Deshalb sind ihre Werke und ihr Wirken so bedeutsam. Diese Bücher werden als Teil unseres kulturellen Erbes bewahrt und sind damit ein Fundament für die Verteidigung und die Erstreitung der Demokratie.

Dazu hat Thomas Mann in der bereits erwähnten Rede im Angesicht des deutschen Nationalsozialismus folgenden wichtigen Gedanken formuliert: „Wenn ich sage: der Freiheitsbegriff der Demokratie darf nicht auch die Freiheit umfassen, die Demokratie ums Leben zu bringen, er darf nicht den Todfeinden der Demokratie freies Wort und freie Hand geben, – so werden Sie mir antworten: das ist die Selbstaufgabe der Freiheit!  – Nein, erwidere ich, es ist ihre Selbstbewahrung.“ (2) Und Thomas Mann fügt hinzu, dass zur Bewahrung der Demokratie die Wiederbelebung ihrer ursprünglichen revolutionären Energie gehört und ruft dazu auf, aktiv für sie zu streiten. Das tun wir hier heute Abend und werden das auch vom Museum Neukölln aus fortsetzen mit einem Festival für Demokratie und Vielfältigkeit mit dem Titel „Neukölln Open“, das im nächsten Jahr am 10. September hier auf dem Gutshof stattfinden wird.

(1)Thomas Mann, Schriften zur Politik, Frankfurt 1978, S. 155

(2) a.a.O. S. 159

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