Ammar Al-Beik: Lost Images. Berlin / Damaskus

Rede zur Eröffnung, 13. Januar 2017

Ein König, so heißt es in einem indischen Märchen, auf das sich der Philosoph Ernst Bloch in dem Essayband „Spuren“ bezieht, verlor einst eine sehr schöne Perle. Er ließ seine Hofbediensteten im ganzen Reich nach ihr suchen, doch vergebens, sie tauchte nicht wieder auf. Eines Tages, als der König schon gar nicht mehr an sie dachte, fand er sie jedoch selber wieder und zwar unabsichtlich. Dazu Ernst Bloch: „Gerade der Untätige also, der seine Wünsche vielleicht vergaß und den sie zu nichts mehr antrieben, um sie zu erfüllen, sah sie erfüllt.“(1) An diese Parabel musste ich denken, als ich mich näher mit Ammar al-Beiks Arbeiten befasste. Er erzählte mir, wie er auf dem Flohmarkt in Damaskus eines Tages zufällig auf eine „Schatzkiste“  stieß, randvoll gefüllt mit Fotos. Ammar sah sich mit einer Flut von Bildern aus der Vergangenheit seiner Heimatstadt konfrontiert, deren Ursprung und Geschichte er nicht kannte, deren geheimnisvoller Reiz ihn aber bis heute nicht losgelassen hat. Viele der Fotos waren im Atelier entstanden, zeigten Kinder, die portraitiert wurden, aber auch Motive von jungen Männern, die sich in Pose stellten, Soldaten, auch viele verführerische Frauen. Einige dieser Fotos sind heute Teil der Serie „Lost Images“, die Ammar al-Beik 2008 begonnen hat, 2013 erweiterte und jetzt 2016 in Berlin mit vier weiteren Arbeiten fortgesetzt hat.

Wer die Bilder der Serie „Lost Images“ betrachtet, wird sich vielleicht fragen, warum der Künstler dieses oder jenes Motiv ausgewählt hat, was er hinter dem Dargestellten sieht. Das habe ich Ammar auch gefragt und dabei nur einige vage Antworten erhalten. Ich habe aber sehr bald verstanden, dass seine Arbeiten nicht aus einer narzisstischen Motivation heraus entstanden sind, wie man vielleicht vermuten könnte. Nein, diese Bilder sind, so noch einmnal Bloch „auf dem Weg der Unabsichtlichkeit“(2) zu ihm gekommen. Sie haben ihn angesprochen, sich ihm – wie der Kunsthistoriker Horst Bredekamp es einmal formuliert hat –  “vor das Auge gestellt“ (3), weil sie über eine eigene Wirkmächtigkeit verfügen, die jenseits eines subjektiven Beziehungsgefüges liegt. Ich denke vielmehr, dass Ammar Al-Beiks Bilder den Blick in die Tiefe der menschlichen Existenz richten. Sie bleiben nicht an der Oberfläche und sind keine bloße Spiegelung des Ich. Dafür spricht auch seine Bezugnahme auf das Motiv von Adam und Eva. Wer sich auf diese biblische Erzählung bezieht, der weiß, dass jedes ihrer Bildnisse unmittelbar mit dem Thema des Sündenfalls und der Vertreibung aus dem Paradies verbunden ist. Für Ammar, der 2014 nach Berlin aus Syrien geflohen ist, ist dieses Thema täglich präsent, denn seine Heimat liegt in Trümmern und sein Land, in dem Christen, Muslime und Juden lange friedlich zusammengelebt haben, ist ein brutaler Kriegsschauplatz geworden.

Dass ich auf Ammars Arbeiten aufmerksam wurde, ist auch einem Zufall zu verdanken. Von der Grafikerin Nina Odzinieks vom Büro Neue Gestaltung bekam ich eines Tages einen Kunstkatalog mit dem Titel „Protocollum 2015/2016“ überreicht, den sie zusammen mit Anna Bühler gestaltet hatte. Dieser wundervolle Band, den Safia Dickersbach ediert und im eigenen Verlag herausgebracht hat, enthielt Arbeiten von Künstler*innen aus aller Welt. Einige von ihnen leben auch in Berlin. Meine Neugierde lies mich nach syrischen Künstler*innen schauen und ich entdeckte die Fotoarbeiten von Ammar. Wenige Wochen später lernten wir uns kennen und stellten fest, dass uns neben spontaner Sympathie, die Faszination für Bilder verbindet, die eine Geschichte erzählen und das Menschliche in einem besonderen Moment festhalten. Mir war schnell klar, dass ich seine Arbeiten aus Damaskus im Museum Neukölln zeigen möchte, stellte ihm aber eine Bedingung, die für das Konzept der künstlerisch orientierten Ausstellungen in unserem Haus zentral ist: er sollte einige neue Arbeiten  erstellen, die sich auf die Menschen des Bezirks Neukölln beziehen. Ich erzählte ihm von der fotografischen Sammlung des Museums, und einige Tage später durchforstete er unser Fotoarchiv. Dabei „verliebte“ er sich spontan in das Bild einer jungen Frau, die auffällig elegant gekleidet auf der Hermannstraße spazierte und dem Betrachter förmlich entgegenkommt.

Hilde Heymann_2016Bei der jungen Frau handelt es sich um die Jüdin Hilde Heymann, die während des Nationalsozialismus der Verfolgung durch die Nazis ausgesetzt war und in die USA geflohen   war. Zu dem Bild, das ich 1988 von einer Recherchereise nach Kalifornien auf den Spuren von emigrierten Neuköllner Jüdinnen und Juden mitgebracht hatte, gehört auch ein Konvolut von Fotografien, das einige Aspekte ihrer Familiengeschichte illustrierte. Ammar befasste sich ausgiebig mit den Bildmotiven und ließ eine Weile nichts von sich hören. Als wir uns dann wieder trafen, eröffnete er mir die Idee, dass er das Foto von Hilde Heymann, dem Foto von Reem Karssli, einer jungen syrischen Filmemacherin, gegenüberstellen wolle, die sich in der gleichen Pose in einer Neuköllner Straße portraitieren lassen wollte (siehe Foto). Außerdem wolle er die Familienfotos von Hilde Heymann neben den Familienfotos von Reem Karssli, die vor kurzem mit Ihrem Bruder aus Syrien geflohen war, präsentieren. Das Ergebnis dieser symbolischen Wiederkehr der Ereignisse ist verblüffend und bewegend.

Mit Ammar al-Beik begrüßen wir einen Künstler in Berlin, dessen Suche nach den Spuren des Verlorengegangen uns mit ambivalenten Gefühlen konfrontiert. Aus einer Ferne, die uns aber oft ganz nah erscheint, künden seine Arbeiten vom unvermeidlichen Verlust der Unschuld. Sie beschwören zugleich den Mythos der Unversehrtheit, der reinen Kunstform, wie sie im Motiv der weiblichen römischen Skulpturen erscheinen, die seine Fotografien farbenfroh umrahmen. Ammar Al-Beik ist ein Perlentaucher, der rastlos in den Untiefen des menschlichen Seins nach Bildern sucht, die uns einen Schimmer davon geben, welche Schätze wir gemeinsam hinter dem Regenbogen finden können. Lassen Sie sich also von Ammars Bildern verführen und gehen Sie mit ihm auf die Suche nach Bildern in Berlin, in Damaskus oder an jenem Ort, den wir Utopia nennen. Willkommen, lieber Ammar, in unserer gemeinsamen Heimat!

 

(1) Ernst Bloch, Spuren, Berlin 1970, S. 219.

(2) ebd.

(3) vgl. Horst Bredekamp, Theorie des Bildakts, Berlin 2010, S. 22.

 

Abbildung oben: Ammar Al-Beik: Reem Karssli – déjà-vu, 2016 / unten: Ammar Al-Beik: Hilde Heymann – déjà-vu, 2016

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