Stolpersteine in Neukölln – Erinnerungskultur von unten

Rede zur Eröffnung der Ausstellung des Mobilen Museums
im Rathaus Neukölln, 25. Januar 2017
von Dr. Udo Gößwald 

Im Jahr 1880 lebten in Rixdorf 62 Jüdinnen und Juden. Mit dem rapiden Wachstum der Stadt Ende des 19. Jahrhunderts nahm auch die jüdische Bevölkerung zu. Am 5. Juli 1904 wurde der Israelitische Bruderverein zu Rixdorf ins Vereinsregister eingetragen. Alle sieben Vorstandsmitglieder lebten in der Bergstraße, der heutigen Karl-Marx-Straße. Bereits im September 1907, also vor 110 Jahren, konnte die jüdische Gemeinde die Einweihung ihrer Synagoge in der Isarstraße 8 feiern. Die Anzahl der Mitglieder wuchs ständig und 1925, als Rixdorf schon 13 Jahre Neukölln hieß, lebten bereits knapp 3.000 Jüdinnen und Juden in unserem Bezirk. Ganz Berlin hatte zur gleichen Zeit etwa 170.000 jüdische Einwohner. Aufgrund der Gründung der Zweiten Polnischen Republik nach dem Ersten Weltkrieg verließen viele deutsche Juden Polen und emigrierten ins Deutsche Reich. Überdies kehrten aufgrund von antisemitischen Pogromen zahlreiche Juden der Sowjetunion den Rücken. Viele dieser ärmeren Einwandererfamilien ließen sich in kleinen proletarischen Hinterhofwohnungen im heutigen Rollbergkiez nieder. Die meisten Neuköllner Juden gehörten jedoch dem Mittelstand an. Sie wohnten überwiegend im Norden des Bezirks zwischen dem Kottbusser Damm und der Kaiser-Friedrich-Straße (der heutigen Sonnenallee). Zahlreiche jüdische Neuköllner waren Kaufleute, doch gab es auch etliche jüdische Handwerksbetriebe wie Schneidereien, Glasereien und Uhrmachereien. Das jüdische Bildungsbürgertum war durch Rechtsanwälte sowie viele Ärzte im Stadtbild vertreten. Sie waren für die Gesundheitsversorgung der Neuköllner Bevölkerung in den zwanziger und dreißiger Jahren von großer Bedeutung waren.

Die Neuköllner Jüdinnen und Juden engagierten sich in zahlreichen Vereinen und Parteien und Menschen wie Dr. Helene Nathan, die Leiterin der Sadtbibliothek, sowie der Bildungsstadtrat Dr. Kurt Löwenstein und der Reformpädagoge Dr. Fritz Karsen übten eine große Wirkung auf das politische, soziale und kulturelle Leben des Bezirks aus.

In der Weimarer Republik war Neukölln als linke Hochburg bekannt. Das machte den Bezirk früh zu einem beliebten Aufmarschgebiet und Angriffsziel von SA-Schlägertrupps. Noch bei den Reichstagswahlen vom 5. März 1933, die bereits von rechtem Terror geprägt waren, erhielt die KPD mit 39,3 Prozent die meisten Stimmen in Neukölln. Zweitstärkste Kraft wurde die SPD mit 26,1% und die NSDAP erhielt 22,1 Prozent der Stimmen. Doch bereits unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 begann auch in Neukölln die Ausgrenzung und Verfolgung von politischen Gegnern und Menschen, die nicht in das antisemitische, rassistische  und homophobe Weltbild der Faschisten passten. Die Wohnung des sozialdemokratischen Bildungsstadtrats Dr. Kurt Löwenstein wurde am 27. Februar 1933 von SA-Truppen verwüstet. In der folgenden Nacht, als der Reichstag brannte, flohen Löwenstein in die Tschechoslowakei und der Schulleiter der Karl-Marx-Schule Dr. Fritz Karsen nach Zürich. Der Anarchist  Erich Mühsam wurde am selben Tag in der Hufeisensiedlung verhaftet und am 10. Juli 1934 von SS-Männern im Konzentrationslager Oranienburg ermordet.

Die Herrschaft der Nationalsozialisten bedeutete für die jüdischen Neuköllner stets wachsenden Einschränkungen im Alltag ausgesetzt zu sein, die letztendlich zum Verlust ihrer Lebensgrundlage führten. Nach und nach wurden jüdische Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen entlassen und jüdische Geschäfte „arisiert“. Im reichsweiten Pogrom am 9. November 1939 zerstörten Antisemiten viele Neuköllner Geschäfte mit jüdischen Inhabern und verwüsteten die Synagoge in der Isarstraße. 1939 wurde die jüdische Gemeinde in Neukölln von den Nazis aufgelöst und ihr Rabbiner Georg Kantorowsky mit seiner Familie zur Flucht nach Shanghai gezwungen. Während jüdische Neuköllnerinnen und Neuköllner um ihre Existenz fürchteten, profitierten die Wähler und Anhänger der NSDAP von den antisemitischen Maßnahmen und der Entrechtung ihrer Nachbarn in Form von freiwerdenden Stellen und „arisierten“ Geschäften, Wohnungen und Habseligkeiten.

Durch das „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ vom 30. April 1939 sollten Hausgemeinschaften zwischen Juden und sogenannten „Deutschblütigen“ aufgelöst werden. Die Kooperation zwischen Wohnungsämtern, Hausbesitzern, Maklerfirmen und der Gestapo führte dazu, dass viele Berliner Jüdinnen und Juden ihr Zuhause verlassen mussten und nur noch in sogenannten „Judenhäusern“ leben konnten. In den neuen, primitiven und beengten Lebensverhältnissen war kein Platz mehr für Privatsphäre. Die Vertreibung aus den eigenen vier Wänden bedeutete außerdem den Verlust des familiären Mittelpunkts und Erinnerungsraums.IMGP8100Gößwald Rede

Ab dem 7. März 1941 mussten Jüdinnen und Juden per Gesetzbeschluss Zwangsarbeit in kriegswichtigen Betrieben leisten. Sichtbarstes Zeichen der gesellschaftlichen Ausgrenzung und Stigmatisierung war der gelbe Stern, den alle Juden ab dem 19. September 1941 außerhalb ihrer Wohnung tragen mussten. Vom 10. Oktober 1941 an durften Juden ihre Wohngemeinde nicht mehr ohne Ausnahmegenehmigungen verlassen. Nachdem sie ihrer materiellen Existenz beraubt waren, ging der Staat dazu über, sie physisch auszulöschen. Den Auftakt dazu bildete am 18. Oktober 1941 die erste Deportation von Berliner Juden in das Ghetto in ?ód?, im heutigen Polen. Unter den Deportierten waren auch fünf Neuköllner. Bis 1945 wurden Hunderte Neuköllner Familien, Nachbarn und frühere Arbeitskolleginnen und -kollegen abgeholt, in Sammellager gebracht, bürokratisch abgefertigt und in den Tod geschickt. Insgesamt wurden über 500 Neuköllner Jüdinnen und Juden in den Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet, die die deutschen Besatzer in Polen errichtet hatten.

Bis weit in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein sind die individuellen Schicksale der verfolgten und ermordeten jüdischen Familien weitgehend in Vergessenheit geraten. In Neukölln begann das Heimatmuseum Neukölln inspiriert durch die Geschichtswerkstattbewegung 1987 gemeinsam mit dem Kunstamt nach den Spuren des jüdischen Lebens in unserem Bezirk zu forschen und legte damit eine wichtige Grundlage für die Erinnerungsarbeit.

Vor zwanzig Jahren verlegte Gunter Demnig die ersten Stolpersteine in Kreuzberg – damals noch ohne jegliche mediale Aufmerksamkeit. Die Steine waren Teil einer einmaligen Kunstaktion, die die NS-Vergangenheit im öffentlichen Raum präsent machen sollte. Sie stand in der Tradition der sogenannten „Gegen-Denkmale“ von Jochen Gerz, Horst Hoheisel und Andreas Knitz. Heute ist aus den Stolpersteinen ein gigantisches partizipatives Kunst- und Erinnerungsprojekt geworden. Europaweit engagieren sich Tausende von Bürgerinnen für das Gedenken an die NS-Opfer in ihren Nachbarschaften. Holocaust-Überlebende sowie Angehörige und Nachkommen von Ermordeten recherchieren ihre Familiengeschichten und initiierten allein in Neukölln rund 200 Stolpersteinverlegungen. Die ehrenamtliche Archivarbeit, die mit jedem Stein einhergeht, hat ein umfangreiches Wissen über den Alltag der von den Nationalsozialisten verfolgten Menschen hervorgebracht und Tausenden von NS-Opfern ein Gesicht und eine Geschichte wiedergegeben. In der Ausstellung des Mobilen Museums, die dankenswerterweise von Herrn Dr. Patrick Helber für das Museum Neukölln kuratiert wurde, werden insgesamt neun Beispiele vorgestellt. Ausdrücklich danken möchte ich auch allen, die mit Hinweisen und Materialen zur Ausstellung beigetragen haben.

Jeder einzelnen Stolpersteinverlegung wohnt ein kreatives, individuelles Moment inne. Im Gegensatz zu einer institutionalisierten Gedenkkultur stehen die Stolpersteine für ein selbstverwaltetes, basisdemokratisches Gedenken von unten, das die Spenderinnen und Spender selbst gestalten, unabhängig davon ob sie  Angehörige der Opfer oder engagierte Bürgerinnen und Bürger sind. Die Steine beenden nicht nur die Anonymität und Unsichtbarkeit der Millionen von NS-Opfern, sondern sie sind auch zum Ort des Zusammentreffens unterschiedlicher kommunaler Akteure geworden. Die Verlegungszeremonien unterbrechen den Alltag  und bringen Menschen zusammen, die teils nur zufällig vor Ort sind. Sie sind vereint in dem Bestreben, sich der historischen Verantwortung aus den NS-Verbrechen zu stellen und zugleich in der Gegenwart Antisemitismus, Rassismus und Homophobie entschieden entgegenzutreten.

 

Stationen der AusstellungPlakat_k
25.1.–15.2.2017
Rathaus Neukölln, Karl-Marx-Str. 83

16.2.–25.2.2017
Neukölln Arcaden, Karl-Marx-Str. 66

27.2.–26.3.2017
Neuköllner Tor, Karl-Marx-Str. 231–235

24.4.–2.6.2017
Albert-Einstein-Gymnasium,
Parchimer Allee 109

14.8.–23.9.2017
Helene-Nathan-Bibliothek,
Karl-Marx-Str. 66

 

(Fotos: Stephanus Parmann)

Kommentare

  1. Richard schrieb am 14. April 2017 um 16:13 Uhr

    Für mich ist schwer zu verstehen, dass Herrn Dr. Gößwald schon all die Wochen niemand kommentiert. Er beschreibt schon die Jahre vor den Nürnberger Rassegesetzen so, als ob Preußen und sog. Reichsdeutsche mit mosaischem/israelitischem Glauben oder getaufte Christen mit nichtchristlichen Wurzeln (wie man heute sagen würde) oder Dissidenten, schon vor 1935 in Neukölln „erfolgreich“ als die Anderen, als Juden, markiert waren. So war es nicht.

    Warum war Dr Löwenstein 1933 Jude? Er wurde Anfang dert 20er Jahre schon als Dissident in Neukölln Stadtrat und als einflussreicher, sozialistischer Neuköllner Politiker verfolgt. Ob er nach orthodoxen Religionsgesetzen trotzdem jüdisch war, muss dabei nicht entscheiden entschieden werden.

    Mühsam, der als Anarchist sogar formell aus dem Judentum ausgetreten war, wurde als unliebsamer Literat verhaftet und ermordet.

    Dr. Karsen, der bedeutende Schulleiter, war protestantischer Schlesier und in seiner Neuköllner Zeit wie alle anderen natürlich weiterhin Preuße und Deutscher. Zudem wie viele andere in dieser Zeit ohne Glaubenszugehörigkeit. Politisch bekämpfte die neue Macht dessen wahrhaft demokratische Bildungspolitik. Wie auch die anderer Reformer, die Einfluss hatten und von denen zu erwarten war, dass sie der NS-Ideologie nicht folgen würden, Christen genauso wie Sozialisten oder Kommunisten.

    Erst wenn man die Nürnberger Rassengesetze zugrunde legt, kann man die genannten nach NS-Gesetzen als Juden bezeichnen. Dr Gößwald weiß das, denn wir haben oft darüber diskutiert. Aber er verwendet trotzdem wie sehr viele andere eine eingefahrene Mehrheitssprache, die das überdeckt. Aber gerade bei solchen Anlässen sollte genauer differenziert werden!

    Die Gemeinheit der Ideologen, die sich als Rassisten gaben, bestand nämlich genau darin, dass es ihnen gelang, Mitbürger auszugrenzen, zu berauben und später zu ermorden. Dafür wurden Begriffe erfunden wie arisches Blut und es wurden gezielt antikapitalistische Resentiments befeuert. Daran müssen wir erinnern. Denn nur über klare Sprache und Begrifflichkeiten kann verhindert werden, das unbewusst Ausgrenzungen erfogen und dann mithilfe von Ideologien Mehrheiten geschaffen werden, die dann als demokratische Mehrheiten Verbrechen dulden.
    Mir scheint wichtig, dass nicht die Anderen, die „Juden“, wie allzu oft behauptet, entrechtet wurden, sondern Ideologen und Rassisten gelang es, Staatsbürger und Mitbürger auszugrenzen, zu brandmarken und zu entrechten, indem sie sie zu Anderen, zu Rasse-Juden zum Beispiel machten.

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