NEUKÖLLN OPEN – Rede zur Eröffnung

Meine Damen und Herren,

Wir haben es fast schon wieder vergessen: schon einmal in der Geschichte hat die angebliche Trägheit der Demokratie, ihre vermeintliche Glanzlosigkeit und ihre Neigung zum Kompromiss, Menschen dazu bewogen, sich von ihr abzuwenden. Die allgemeine Stimmung gegen die erste demokratische Republik auf deutschem Boden, die Weimarer Republik, hat den Nationalsozialist*innen in die Hände gespielt. So konnten sie, auch in anderen Ländern Europas mit dem faulen Zauber ihrer revolutionären Rhetorik, der Attitüde von Jugendlichkeit und Zukünftigkeit viele Wähler*innen mobilisieren. Wenn wir eines aus der Geschichte lernen können, dann dies: wer die Demokratie als Staatsform nicht verteidigt, sondern mehr Energie in ihre Zerstörung steckt, wird am Ende dort stehen, wo heute einige Länder Europas wieder stehen. Die Folgen sind die Einschränkung der Meinungsfreiheit, die Ausgrenzung von Fremden und Minderheiten, die Gefährdung der Unabhängigkeit der Justiz und ein wachsender Nationalismus.

Es war Thomas Mann, der sich im Frühjahr 1938 auf einer Vortragsreise durch fünfzehn amerikanische Städte leidenschaftlich gegen den Faschismus in Europa engagierte und sagte: „Dass Demokratie heute kein gesichertes Gut, dass sie angefeindet, von innen und außen her schwer bedroht, dass sie wieder zum Problem geworden ist, das spürt auch Amerika. Es spürt, dass die Stunde gekommen ist für eine Selbstbesinnung der Demokratie, … mit einem Wort: für ihre Erneuerung im Gedanken und im Gefühl.“ (Thomas Mann, Schriften zur Politik, Frankfurt a.M. 1978, S. 108) Aus heutiger Perspektive würde man sich wünschen, dass Thomas Mann diese Gedanken schon zehn Jahre früher formuliert hätte. Dennoch ist das, was er vor fast 80 Jahren sagte, auch heute wieder für uns aktuell, gerade auch mit Blick auf Amerika.

Foto: Lars Hübner, larshuebner.com

Foto: Lars Hübner, larshuebner.com

Ich habe einen Teil meiner Kindheit in den sechziger Jahren in den USA verbracht. Meine Schulfreund*innen von damals schreiben mir, dass sie sich für die Politik schämen, die heute im Weißen Haus gemacht wird. Deutschland erscheint ihnen wie das Paradies auf Erden und sie hätten viel Respekt für die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Was ich in meiner Schulzeit in New York vor allem gelernt habe, war Respekt vor der Demokratie. Wenn ich heute meine Aufsätze aus der 6. Klasse im Fach Social Studies aus dem Jahr 1967 lese, dann geht es um Meinungsfreiheit, freie Wahlen und Religionsfreiheit. Mit großem Enthusiasmus habe ich da die amerikanische Demokratie gegenüber dem kommunistischen Regime in China verteidigt, doch niemals überheblich, sondern eher verständnisvoll für die schwierige Lage der vielen Menschen in einem so unterentwickelten Land wie China.

Im Jahr 2008 hat der chinesische Politikwissenschaftler und Schriftsteller Liu Xiaobo in Anlehnung an die Charta 77 des tschechischen Schriftstellers Václav Havel die Charta 08 verfasst. Sie setzt sich für eine behutsame demokratische Erneuerung des chinesischen Systems ein. Als sie im Internet verbreitet und von vielen unterzeichnet wird, wird Liu Xiabo verhaftet und 2009 zu elf Jahren Haft verurteilt. Den Friedensnobelpreis kann er, ähnlich wie Carl von Ossietzky, nicht mehr entgegennehmen, da er inhaftiert ist. Zwei Grundgedanken seiner Charta möchte ich hier vortragen. Sie sind nach meiner Meinung essentiell für die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft. Erstens: „Dort, wo keine Freiheit herrscht, kann von moderner Zivilisation nicht die Rede sein.“ Und zweitens: „Der Mensch ist das Wesentliche eines Staates, ihm dient der Staat und für ihn ist die Regierung da.“ Liu Xiaobo ist nach einer kurzen, schweren Krankheit vor wenigen Wochen verstorben. In Erinnerung an ihn hören Sie jetzt eine Komposition von Vivien Lee, mit der sie ein Gedicht von Liu Xiaobo vertont hat, das er an seine Frau aus dem Gefängnis geschrieben hat. Noch immer wird Liu Xia von den chinesischen Geheimdiensten überwacht und darf das Land nicht verlassen.

Foto: Lars Hübner, larshuebner.com

Foto: Lars Hübner, larshuebner.com

Der Kampf um die Demokratie verlangt große Opfer wie wir es auch an den inhaftierten oder unter Anklage stehenden Schriftsteller*innen, Journalist*innen und Menschenrechts-aktivist*innen in der Türkei zurzeit miterleben können. Deniz Yücel, Mesale Tolu und viele andere brauchen unser Mitgefühl und unsere Solidarität.

„Es ist einfacher, für die Demokratie zu kämpfen, solange es sie noch gibt. Danach wird es erheblich schwieriger“, hat es Harald Welzer einmal treffend formuliert. Und es war auch die von Harald Welzer mitgegründete Initiative „Die offene Gesellschaft“, die mich inspiriert hat, das Konzept für dieses Festival zu entwickeln. Ein Festival, das uns die Möglichkeit gibt, über viele wichtige Fragen unserer Zeit miteinander zu debattieren. Es soll eine Veranstaltung werden, die uns bewusst macht, wie wertvoll unsere heutige Demokratie ist. Sie soll gleichzeitig demonstrieren, welche Chancen sie bietet, um über das Bestehende hinauszudenken. NEUKÖLLN OPEN soll das einlösen was viele immer wieder fordern: freie und offene Diskussionen in einer Atmosphäre des gegenseitigen Respekts, die möglichst vielen die Chance gibt, daran teilzunehmen. An diesem Anspruch können Sie uns ruhig messen und wir werden uns das selbstkritisch ansehen, wenn das noch nicht gut genug funktioniert hat.

LARS_HUEBNER_FOTOGRAF (154 von 228) (Small)

LARS_HUEBNER_FOTOGRAF (146 von 228) (Small)

LARS_HUEBNER_FOTOGRAF (207 von 228) (Small)

Fotos: Lars Hübner, larshuebner.com

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommentare

  1. Hallo Udo,
    eine sehr gute Rede. Ich stimme zu das Demokratie äußerst wichtig ist und nicht verloren gehen darf. Als Steuerberater kann ich mir nur schwer vorstellen, wie das Leben ohne sie aussehen würde. Deswegen super Appel.
    Grüße aus Hannover
    Michael

Kommentieren

Weitere Einträge: