Ein Museum, das Türen öffnet

Eine der Leitfragen der Ausstellung „99 x Neuköln“ war: Was zeichnet die Kultur  eines großstädtischen Konglomerats wie Neukölln aus? Sie ist sicher keine Glaskugel, in die wir einfach unsere Wertvorstellungen hinein projizieren können. Vielmehr, so möchte ich mit Seyla Benhabib argumentieren, ist sie eine „Verkettung interpretierender Erzählungen, die vielwertig sind und mehrere Generationen umspannen. Die Vitalität einer Kultur rührt eigentlich von den narrativ ausgetragenen Streitigkeiten her, in denen es um das Wie, Wann und Wo der kulturellen Überlieferung geht. Kultur ist dieses vielstimmige Gespräch über Generationen hinweg, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durch widerstreitende Erzählungen verbindet.“ (1)

Das Museum Neukölln ist schon immer ein idealer Ort für diese Debatte gewesen. Das haben die vielfältigen Veranstaltungen und die positive Resonanz auf unsere Ausstellungen der vergangenen Jahre gezeigt. Unsere Besucher wissen die Sorgfalt und Hingabe mit der unsere Kuratoren und Gestalter die Objekte und dazugehörigen Kontexte präsentiert haben, zu schätzen. Sie haben verstanden, dass wir das Museum als einen Ort gestalten, der ihnen die Türen öffnet, um sich selbst als ein Teil von Geschichte und Kultur ihres Heimatortes zu verstehen. Sie haben gelernt, auch denjenigen Teil von Geschichte zu respektieren, den andere als Narration hierher mitgebracht haben. Diese Narrationen sind in den Objekten verborgen, die wir für die Ausstellung „99 x Neukölln“ ausgewählt haben und von denen uns über die Hälfte von Bürgern des Bezirks gespendet wurden. Es geht, so könnte man zugespitzt formulieren, nicht um die Präsentation der Geschichte, sondern darum, dass die Besucher durch die Auseinandersetzung mit der Bedeutung einzelner Objekten sich  selbst in der Geschichte wieder erkennen.

(1) Seyla Benhabib, Kulturelle Vielfalt und demokratische Gleichheit, Frankfurt 1999, S. 68.

Kommentieren

Weitere Einträge: