Die Brücke zum Museum

Eine kleine Gute-Nacht Geschichte (2. Teil)
Fortsetzung vom 11. 4. – 36. Tag vor der Eröffnung

„Ja, Robert, ich gehörte einmal zu einer Hochzeitskutsche von einem Fuhrunternehmer am Richardplatz in Neukölln, wo man heute noch Kutschen mieten kann. Eines Tages wurde ich nicht mehr gebraucht und landete im Ersatzteillager auf dem Speicher der Scheune. Doch viele Paare aus Neukölln, die in dieser Kutsche geheiratet haben, können sich noch an mich erinnern, denn ich gehöre zu Neukölln wie alle Dinge, die Dir auf dieser Brücke begegnen.“

Robert ging weiter auf der Brücke und begegnete einem merkwürdigen Stück Holz. Es war kaum so lang wie sein Lineal aus der Schule und fühlte sich sehr abgegriffen an. Er nahm es in die Hand und spürte, dass er dabei einen Splitter in den Finger bekommen hatte.

„Das ist der Kassiererin auch passiert, die mich jeden Tag bis zu 150 Mal anfassen musste,“ sagte das Stück Holz. „Heute sind die Warentrennstäbe, wie ich fachmännisch genannt werde, aus Kunststoff. Ende der 80er Jahre waren wir bei Aldi in der Anzengruberstraße in Neukölln noch aus Holz wie heute wieder in den Bio-Supermärkten. Da ich nicht ständig Teile von mir als Splitter im Finger der Kassiererin enden sehen wollte, war es höchste Zeit, mich aus dem Verkehr zu ziehen. Eines Tages fragte der Direktor des Museums in der Ganghoferstraße  die Verkäuferin, ob er mich haben könne und so wanderte ich ins Neuköllner Museum und erhielt einen schönen Platz in einem Depotschrank.“

In der Ferne sah Robert eine runde Kugel, die aussah wie der Mond. Als sie näher kam, stellte er fest, dass es eine große Kugel aus Stein war. Die Oberfläche des Steins fühlte sich schon sehr verwittert an.

„Als ich jung war“, sagte die Kugel, „war meine Haut noch ganz glatt und viele Kinder, die auf mir herumkletterten, konnten mit ihren Lederhosen auf mir herumrutschen.“

„Also warst Du ein Trittstein am Hauseingang“, sagte Robert. „Nein“, sagte sie, „ich war eine Pfostenkugel und thronte, zusammen mit meiner Zwillingsschwester, am Eingang der berühmten Richardsburg. Das war eine so genannte Mietskaserne in der Richardstraße erbaut 1903 in Neukölln mit insgesamt fünf sehr engen Hinterhöfen. Mehr als 500 Kinder wohnten dort.“

Es war dunkel geworden und Robert sah plötzlich ein Licht. Eine kleine, elegante Gaslampe stand plötzlich vor ihm. „Wenn Du willst, kannst Du noch etwas am Gashahn drehen, dann werde ich noch heller“, sagte die kleine Gaslampe. Robert drehte an der Lampe und bemerkte wie sich der Glühstrumpf langsam hob. Eine raffinierte Technik, dachte er.

Fortsetzung kommenden Sonntag

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