Der Chef der Straße

Wir haben am 2. April (44 Tage vor der Eröffnung) die Künstlerin Barbara Caveng und ihre Sozialparkettstube vorgestellt. Die Schweizerin, die in der Jonasstraße wohnt und den Kiez um den Körnerpark als „Charlottenburg von Neukölln“ bezeichnet, musste sich in den ersten Tagen in ihrem Projektraum in der Okerstraße 4 erstmals an den etwas „härteren Groove“ im  Schillerkiez gewöhnen. Ihre Tagebuchnotizen veröffentlichen wir jetzt immer mittwochs. Aber Vorsicht: Satire!

Ich glaube, ich sollte anfangen, Tagebuch zu führen. Denn die Okerstrasse ist die gefährlichste Straße Berlins. Das höre ich seit Unterzeichnung des Mietvertrages täglich mindestens dreimal von Anwohnern der Straße, die mich freundlich im Kiez begrüßen.

Tatsächlich ist es so, dass man sich zuweilen in einem Zustand  innerer Bewaffnung bewegt und zum Einkauf den gestählten ‚Eh?Alter?was?geht?Blick‘ auflegt.

Ab und an fährt ein VW?Bus mit übermüdeten Rumänen vor. Die Leute mit Bündeln bepackt, verschwinden, kaum ausgestiegen, in irgendwelchen Türöffnungen. Man sagt, sie wohnen manchmal zu zwanzigst in einem Zimmer.

Aber zum Glück gibt es Denis. Denis hat sich uns gestern vorgestellt als „Chef der Straße“ . Den Posten teilt er sich mit seinem Bruder und natürlich ist seine Position nicht unstrittig.

Denis ist so eine Art wandelnde Kriminalitätsstatistik. Unsere Fensterputzaktion begleitet er mit der Auflistung der Kapitalverbrechen der letzten Wochen: Besonders auffällig war ein Akt schwerer Körperverletzung mit einer Axt, die den Rücken eines unliebsamen Mitbürgers spaltete, ein Mord durch Erstechen mit Splittern einer Glasflasche und ein Auftragsmord ‚Ganze?Kopf?ab‘ für 400.? EUR. In dieser Straße ist der Preis für ein Menschenleben offensichtlich nicht sehr hoch.

Natürlich haben wir Denis auch zur Eröffnung der SOZIALPARKETTSTUBE eingeladen.  Und übrigens: Nach 14 Tagen Okerstraße ist er inzwischen fast schon zum Freund geworden.

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